Rätselhafte Figur: Kannten die Sumerer vor fast 5000 Jahren Tiere, die damals eigentlich schon längst ausgestorben waren?

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Rätselhafte Figur: Kannten die Sumerer vor fast 5000 Jahren Tiere, die damals eigentlich schon längst ausgestorben waren? (Bilder: E. H. Colbert)
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Rätselhafte Figur: Kannten die Sumerer vor fast 5000 Jahren Tiere, die damals eigentlich schon längst ausgestorben waren? (Bilder: E. H. Colbert)

Jene Forscher, die sich mit der Kryptozoologie befassen, suchen nicht nur heute nach Tieren, die als ausgestorben oder unbekannt gelten. Sie verweise auch immer wieder auf Tierdarstellungen der Vergangenheit, die an ausgestorbene Tiere erinnern. Hierzu gehört eine fast 5000 Jahre alte Bronze-Figur der Sumerer, die vor rund 100 Jahren in den Ruinen der Stadt Kish in Mesopotamien entdeckt wurde. Vergleiche zeigen, dass das dargestellte Tier starke Parallelen zu einer Gattung zeigt, die eigentlich tausende Jahre zuvor schon ausstarb. Wie kann das sein? Oder wurde hier nur ein normaler Hirsch mit Phantasie vermischt?


Kryptozoologie

Die uralte Zivilisation der Sumerer aus Mesopotamien verbindet heute wohl kaum jemand mit der Kryptozoologie. Denn der zoologische Forschungszweig der Kryptozoologie sucht nach Tieren, die als längst ausgestorben gelten. Oder solche, die bisher noch nicht für die Wissenschaft entdeckt wurden.

So hat wohl jeder schon mal von dem Bigfoot und dem Yeti gehört. Große „Affenmenschen“, von denen in vielen Regionen der Erde immer wieder Exemplare gesehen worden sein sollen. Entdeckt, belegt und wissenschaftlich klassifiziert hat diese offenbar nahen Verwandten des Menschen bisher niemand. Und doch sind viele Forscher sicher, dass es sieht gibt.

Tatsächlich wurden und werden immer wieder Tierarten entdeckt, die der Forschung zuvor unbekannt waren. Oder die als unlängst ausgestorben galten. So spektakulär wie ein riesiger behaarter Affenmensch wie etwa der Bigfoot sind diese natürlich nicht.

Kryptozoologen und auch Autoren des Phantastischen verweisen in ihren Veröffentlichungen aber auch immer wieder auf sonderbare Tierdarstellungen aus längst vergangenen Zeiten. Diese scheinen Wesen zu zeigen, die es heute nicht oder nicht mehr gibt. Selbst Darstellungen von Kreaturen oder „Monstern„, die sehr an Dinosaurier erinnern, sind darunter. Und das in aller Welt, wo solche Abbildungen oder sogar Figuren von den unterschiedlichsten Völkern hinterlassen wurden.

Sie alle sind meistens eine Frage der Interpretation und des Deutungs-Willens. Während die einen beispielsweise solche Tiere auf Felszeichnungen als „Fabelwesen“ oder „mythische Tiere“ interpretieren, sehen andere hier Hinweise, dass sie reale Lebewesen zeigen. Zum Beispiel Saurier, die von Menschen selber gesehen wurden und damit nicht vor 65 Millionen Jahren ausstarben.

Andere Funde – vor allem von eindeutigen Dinosaurier-Figuren und –Abbildungen – werden meist pauschal als Schwindel bezeichnet.

Kryptozoologie, Dinosaurier und Huftiere

Und so hat man bei all den mutmaßlichen Hinweisen, dass unsere Ahnen vor zum Teil Jahrtausenden Tiere abgebildet haben, die es eigentlich nicht mehr gegeben haben kann, seit Jahrzehnten eine nie endende Diskussion. Darstellungen von eindeutigen Dinosauriern werden dabei von der etablierten Forschung meist pauschal als Fake beiseite geschoben. Menschen und Saurier verpassten sich um fast 65 Millionen Jahre auf diesem Planeten, so die übliche Lesart der Erdgeschichte.

Damit kann kein Mensch diese Giganten der Urzeit mit eigenen Augen gesehen haben, da diese lange vor den ersten Menschen vom Antlitz der Erde verschwunden waren. Oder überlebten sie doch bis in historische Zeiten, fragen andere Autoren.

Zweifellos sollte jeder skeptisch werden, je spektakulärer die vorgezeigten Funde erscheinen. Vor allem dann, wenn sie als „Beweise“ angepriesen werden – und dann eine mehr oder weniger fragwürdige Fundgeschichte ausweisen. So etwa bei vielen der „Steine von Ica“ aus Peru, zu denen HIER ein Mystery Files-Video eines Vortrages online ist.

Sind also alle angeblichen Beweise, dass Menschen vermeintlich ausgestorben Tiere in der Vergangenheit gesehen haben, hinfällig? Ich denke nicht.

Kryptozoologen dokumentieren immer wieder interessante Tiere und die nicht minder spannenden Hinweise auf diese. Einer von ihnen ist der bekannte Forscher und Autor Dr. Karl Shuker. Er legte unter anderem schon 1995 das Standardwerk „In Search of Prehistoric Survivors“ vor, das seit dem in verschiedenen Auflagen erschien.

In diesem Buch berichtet er unter anderem von einem „rätselhaften Wagenring sumerischen Ursprungs“. Dieser sei „mit der Skulptur eines großen Geweihtieres verziert ist, dass eine verblüffende Ähnlichkeit mit einer sehr großen asiatischen und afrikanischen Sivathere, dem Sivatherium, aufweist“, so Shuker. Dieser Fund sei „fesselnd“ aber auch „umstritten“.

Rätselhafte Figur: Kannten die Sumerer vor fast 5000 Jahren Tiere, die damals eigentlich schon längst ausgestorben waren? (Bilder: Field Museum of Natural History/ CC BY-NC 4.0 & deviantart.com/nankeyike)
Rätselhafte Figur: Links die fats 5000 Jahre alte Darstellung der Sumerer, rechts eine Rekonstruktion einer „Rindergiraffe“ (Bilder: Field Museum of Natural History/CC BY-NC 4.0 & deviantart.com/nankeyike)

Vor 8000 Jahren ausgestorben

Hierbei hat Shuker nicht untertrieben. Auch wenn ein Sivatherium alles andere als ein Dinosaurier ist.

Dieses Tier gehört zu den „Rindergiraffen“, die eine Art Mischung aus Giraffe, Kuh und Hirsch waren. Heute gibt es sie nicht mehr, denn diese Huftiere lebten vor etwa 12 Millionen Jahren und starben offiziell vor 8000 Jahren aus. Sie leben in Asien ebenso wie in Afrika und den warmen gebieten Europas. Durchaus beeindruckende Tiere, da sie bis zu drei Meter groß wurden und einige aus der Familie an die 400 Kilogramm auf die Waage brachten. Aktuellere Schätzung sprechen sogar von einem Gewicht von über 1,2 Tonnen.

Unsere Vorfahren haben dieses Tier also noch mit eigenen Augen sehen können. Die genannte Figur von Shuker passt aber ganz und gar nicht zu der üblichen Datierung dieser Tiere. Sie stammt von den Sumerern und heutige Irak und entstand erst tausende Jahre nachdem das Sivatherium angeblich ausstarb.

Deutlich ist nach all den Jahrtausende ein Huftier („Paarhufer“) zu erkennen, dass vier Hörner am Kopf trägt. Zwei große und nach außen abstehende Hörner seitlich am Hinterkopf und zwei kleine direkt über den Augen auf dem Schädel. Seitlich abstehend erkennt man die Ohren und in der Nase so was wie ein Ring mit einem Strick, der zu einem der Vorderbeine führt. Das dargestellte Tier war demnach offensichtlich domestiziert.

Gefunden wurde diese Figur bereits 1928 bei Ausgrabungen des „Field Museum of Natural History“ (Chicago) und der Universität Oxford in der uralten sumerischen Stadt Kish. Vor Jahrtausenden war das rund 18 Zentimeter große Fundstück aus Bronze ein dekoratives Teil eines Schreitwagens der alten Sumerer. Ersten Datierungen nach war das vor 5500 Jahren. Wobei nachfolgende Untersuchungen des Fundes die Figur auf 2800 bis 2750 vor Christus datieren, so David S. Reese 1990 in dem Magazin „Cryptozoology“ (Nr. 9).

Nur ein normaler Hirsch der Sumerer?

Da diese Tierart vor 8000 Jahren ausgestorben sein soll, macht eine jüngere Datierung das Objekt in diesem Fall sogar noch interessanter.

Erstmals beschrieben wurde die Figur schon 1930 und 1931 von den Forschern Dr. Berdhold Laufer („Field Museum News“, Vol. 1, No. 3, 1930) und Henry Field („Art and Archaeology“, Vol. 31, No. 5, 1931). Laufer, der ehemalige Kurator für Anthropologie am „Field Museums“, schrieb damals unter anderem:

„(…) ein langes und schweres Seil von der Schnauzte des Tieres deutet darauf hin, dass Hirsche von den frühen Sumerern lebend gefangen und gezähmt worden sein müssen.“

Somit war die Identifizierung des Tieres mit seinem Geweih als Hirsch beziehungsweise Dammhirsch „in trockenen Tüchern“, wie man so schön sagt.

Jedoch nicht sehr lange, denn bereits 1936 meldete der Paläontologe Edwin H. Colbert in dem Fachmagazin „American Anthropologist“ (Nr. 38) Zweifel an der Deutung als Hirsch an. In seinem Artikel stellte er die Frage ob „existierende Sivatherium den frühen Sumerern bekannt“ waren und listet insgesamt 7 Punkte auf, die seiner Meinung gegen einen Hirsch sprechen. Und damit für eine Darstellung eines Sivatherium.  Er glaubt nicht, dass „der sumerische Künstler seiner Fantasie freien Lauf ließ und zufällig ein Tier schuf, das Sivatherium verblüffend ähnlich sieht“.

Rätselhafte Figur: Kannten die Sumerer vor fast 5000 Jahren Tiere, die damals eigentlich schon längst ausgestorben waren? (Bilder: Field Museum of Natural History/ CC BY-NC 4.0 & deviantart.com/nankeyike)
Nur ein Hirsch? (Bilder: Field Museum of Natural History/CC BY-NC 4.0)

Vor allem sind es die vier erkennbaren Hörner der Figur. Kein lebendes Huftier in dieser Größe hat solche Merkmale. Ein Hirsch so oder so nicht. Damit ähnelt das Artefakt in seinen Details weit mehr einem Sivatherium, was kaum Zufall sein kann, so Colbert. Diese Tiere wären folglich noch in den Zeiten der Sumerer, die als erste Zivilisation der Menschheit gelten, über die Erde gestreift. Und von diesem Volk gefangen und domestiziert worden.

Überlebt und vergessen?

Was allerdings wieder erstaunlich ist. Denn egal ob Hirsch oder riesige „Rindergiraffen“: Warum versah man das Tier mit einer „Leine“ und wozu dienten die Geschöpfe letztlich den Menschen? Hielten die Sumerer es in Gehegen, vielleicht als Nahrung?

Colbert verwies schon damals auf Funde in Afrika, die darauf hindeuten könnten, dass diese Sivatherium dort noch in mehr oder weniger historischer Zeit lebten. Eingewandert von Indien über den Nahen Osten beziehungsweise Mesopotamien und damit quer durch das Land der Sumerer. Und so resümiert Colbert am Ende seiner Untersuchung folgendes:

Ist es also nicht möglich, dass irgendwo in Kleinasien Sivatherium bis in die jüngste Zeit überlebt hat? Diese Frage ist gegenwärtig mehr oder weniger im Bereich der Spekulation, aber sie muss nicht als völlig hypothetisch verworfen werden hypothetisch verworfen werden, vor allem angesichts der Beweise, die die kleine Figur, die an einem Zügelring in Kish gefunden wurde.“

„Ob die Ähnlichkeiten echt oder nur zufällig sind, ist eine höchst umstrittene Frage“, unterstreicht Colbert in seiner Untersuchung. Das sieht auch Shuker so, den die Ähnlichkeit dennoch beeindruckt. So schreibt er in „In Search of Prehistoric Survivors“:

„(…) aber die morphologische Übereinstimmung zwischen der Figürchen und der wahrscheinlichen Aussehen von Sivatberium (basierend auf Rekonstruktionen aus fossilen Beweisen) ist überzeugend genug, um diesen Gedanken ernsthafte Erwägung zu ziehen.“

Dann wurde es bis 1977 still um diesen außergewöhnlichen Fund. Bis der Doktorand Michael Miiller-Karpe von der Universität Heidelberg eine „bemerkenswerte Entdeckung“ im „Field Museum“ machte.

„Fabelwesen“ der Sumerer?

So berichtete das „Field Museum of Natural History Bulletin“ (Vol. 48, No. 10, November 1977) in einer kleinen Notiz, dass Miiller-Karpe „in einer kleinen Kiste mit getrocknetem Schlamm in einem Field Museum-Lagerraum“ zufällig bei der Durchsicht von „hunderten Metallgefäßen aus dem Alten Orient“ Stücke der Tierfigur wiederfand. Es war „das korrodierte Geweih des Hirsches“, so das Museum in seiner Mitteilung.

Durch diesen Zufallsfund konnten die Experten die Figur der Sumerer wieder komplettieren. Heraus kam ein Huftier mit einem Geweih, das nicht den meisten früheren Interpretationen und Rekonstruktionen eines Sivatherium entsprach. Diese verzweigten Hörner erinnern nun wieder an einen Hirsch.

Rätselhafte Figur: Kannten die Sumerer vor fast 5000 Jahren Tiere, die damals eigentlich schon längst ausgestorben waren?
Ruinen von Kish und Karte von Mesopotamien (Bilder: gemeinfrei & Archiv Autor)

Die Diskussion war damit aber noch lange nicht beendet.

So erschien beispielsweise 1990 in „Cryptozoology“ (Nr. 9) der Beitrag „Sivatherium defended“ von Christine Janis, in dem sie die Deutung der Figur als ausgestorbenes Vorzeit-Tier verteidigte. Denn der massive Körperbau der Figur entspräche nicht dem eines Hirsches. Und natürlich haben Hirsche keine doppelten Hörner zusätzlich auf dem Schädel über den Augen. Außerdem gab es Variationen der großen Hörner oder des Geweihs von „Rindergiraffen“, wie es Fossilienfunde aus Afrika beweisen.

Auch spätere Veröffentlichungen diskutierten den Fund weiter. Einheitlich und vor allem verbindlich einigen, was man da letztlich sieht, konnte man sich bisher nicht. Auch Argumente wie „künstlerische Freiheiten“ oder einfach „Fabelwesen“ der Sumerer wurden ins Spiel gebracht. Demnach habe der Künstler sich von realen Tieren seiner Umgebung inspirieren lassen und so ein Phantasiewesen erschaffen.

Ob diese Deutung zutreffen ist, bleibt dahingestellt. Nicht weniger wie der Erklärungsversuch, dass der sumerische Schöpfer der Figur von tausenden von Jahren seine Vorlage nicht genau gesehen hat. In diesem Fall also einen Hirsch. Er habe das Tier deshalb mit zwei zusätzlichen Hörnern und einem derart massiven Körper angefertigt.

Vielleicht ja, vielleicht nein …

Was in der Folge bleibt, ist, dass niemand bisher diese Figur erklären kann. Jede Interpretation hat ihr Für und Wider.

Die Figur selber wurde auf etwa 4800 Jahre datiert. Demnach wurde sie rund 3200 Jahre nach dem angenommenen Aussterben der „Rindergiraffen“ in Sumer geschaffen. Sicher muss deshalb die „Geschichte der Menschheit“ nicht umgeschrieben werden, wie es vielfach bei archäologisch sonderbaren Funden heißt. In diesem Fall wäre es so oder so eher die Geschichte der Zoologie.

Eigentlich jedoch klingt es durchaus nachvollziehbar, dass wenige oder kleine Populationen dieser Spezies ihr eigenes Aussterben „verpasst“ haben. Auch das Mammut, ein Gigant der Eiszeit und wohl das bekannteste Tier der damaligen Welt, verpasste in einer einsamen Region der Welt das große Aussterben seiner Art.

Ihr Aussterben begann vor 14.000 Jahren und in den heutigen USA verschwand es vor rund 12.000 Jahren. Ganz anders erging es dem Wollhaarmammut auf der Wrangelinsel im Osten von Sibirien, wie dort gefundene Fossilien belegen. Hier lebten noch vor 3700 bis 4000 Jahren Mammuts. So das Ergebnis einer Studie um Anthony J. Stuart von der Durham University über „die letzten Wollhaarmammuts“, die in „Quaternary Science Reviews“ (Vol. 21. Issues 14-15, August 2002) erschien.

Demnach lebten noch 2000 oder 1700 vor Christus Mammuts in Sibirien, als viele tausend Kilometer weiter in Ägypten die Pharaonen bereits in der 11. und 12. Dynastie herrschten. Und die Pyramiden von Gizeh bereits mindestens 500 Jahre standen. Da erscheint die Szene aus dem Spielfilm „10.000 BC“ von Roland Emmerich von 2008, in der Mammuts beim Pyramidenbau eingesetzt werden, in einem anderen Licht. Auch wenn hier von 10.000 vor Christus erzählt wird …

Euer Jäger des Phantastischen

Lars A. Fischinger

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