Nichts als Ärger: Netflix-Serie „Ancient Apocalypse“ von Graham Hancock und ein offener Brief erboster Archäologen (+ Videos)

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Die Netflix-Serie "Ancient Apocalypse" von Graham Hancock sorgt international für viel Kritik und Ärger unter Archäologen (Bilder: Netflix / Montage: Fischinger)
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Die Netflix-Serie „Ancient Apocalypse“ von Graham Hancock sorgt international für viel Kritik und Ärger unter Archäologen (Bilder: Netflix / Montage: Fischinger)

Die Netflix-Serie „Ancient Apocalypse“ von Graham Hancock sorgt seit November international für viel Kritik und Ärger unter etablierten Archäologen. Ein regelrechten Sturm der Entrüstung mit zahlreichen Vorwürfen gegen Hancock verbreiten dazu Presseberichte und Stellungnahmen von Archäologen. Sogar ein offener Brief an Netflix einer entsprechenden archäologischen Vereinigung in den USA überschüttet die Verantwortlichen mit heftiger Kritik und Rassismus-Vorwürfen. Fans sehen all dies als Beleg, dass der bekannte Autor Recht zu haben scheint mit seiner These, dass es eine vergesse Hochkultur in der Eiszeit gab. Was steckt hinter diesem „Shitstorm der etablierten Archäologie“? Und was wirft der offene Brief – den Ihr in deutscher Übersetzung ebenso hier findet – Netflix und der Hancock-Serie vor?


Graham Hancock, Netflix und die „Ancient Apocalypse“

Im November 2022 startete der bekannte Streaming-Anbieter NetFlix die Doku-Serie „Ancient Apocalypse“ mit dem Autoren und „alternativen Historiker“ Graham Hancock. Eine sehr erfolgreiche Serie, die in Deutschland unter dem Titel „Untergegangenen Zivilisationen auf der Spur“ auf NetFlix zu sehen ist. Seit dem sorgt sie für Kontroversen, Kritik und Ärger von Seiten der etablierten Archäologie und Altertumsforschung.

Für das Medienunternehmen Netflix und den Autoren Hancock selber ist die Serie ein großer Erfolg. Denn schon kurz nach dem Start der 1. Staffel stieg die Serie in die Top 10 von Netflix. „Ancient Apocalypse“ darf dabei nicht mit einer Doku-Serie gleichen Namens verwechselt werden, die zum Beispiel auf ZDFinfo bereits mehrfach lief. Auch wenn beide Serie sich durchaus thematisch ähneln beziehungsweise überschneiden.

Die Netflix-Serie rund um Hancock geht thematisch aber wesentlich weiter. Denn Graham Hancock ist seit Jahrzehnten ein bekannter Autor und Forscher, der sich ganz dem Thema einer versunkenen Ur-Kultur der Menschheit verschrieben hat. Einer global agierenden Zivilisation, die mit der letzten Eiszeit unterging und spurlos verschwand. Selbst die Erinnerung an diese Zivilisation nach Art Atlantis verblasste im Laufe der Jahrtausende, so dass heute nur noch Mythen und Sagen davon berichten. Und uralte Bauten und versunkene Ruinen in aller Welt, so ist Hancock sicher.

Und genau darüber berichtet er seit Jahrzehnten in seinen zahlreichen Büchern, die ihn weltbekannt machten. Vor allem nach seinem Buch „Die Wächter des Heiligen Siegels„, dass sich mit dem mutmaßlichen Verbleib der biblischen Bundeslade befasst, wurde der Autor bekannt.

Die verschwundene Zivilisation

Zahlreiche weitere Bücher wie „Die Spur der Götter„, „Unterwelt„, „Der Schlüssel zur Sphinx“ oder auch „Spiegel des Himmels“ folgten. Stets auf der Suche nach Hinweisen oder sogar Beweisen für diese von ihm vermutete Ur-Kultur der Menschheit.

Das brachte Hancock in Kreisen all jener, die vermuten, dass die Menschheitsgeschichte „umgeschrieben werden muss“, einen renommierten Ruf ein. Zumal er nicht der Sparte der Prä-Astronautik-Autoren zuzurechnen ist. Er richtet in seinen Veröffentlichungen den Blick nicht auf „Götter aus dem Kosmos“, sondern bleibt auf der Erde. Dennoch richtete er von genau dort aus immer wieder seinen Blick in den Himmel.

Denn Hancock glaubt, dass astronomische Ausrichtungen und Bezüge uralter Monumente zeigen, dass diese viel älter sind, als es die anerkannte Archäologie sagt. Sie (oder das darin enthaltene Wissen) stammen von einer fortschrittlichen Zivilisation der Eiszeit, die durch eine kosmische Katastrophe unterging: Der Einschlag eines Asteroiden oder Kometen (oder mehrerer) sei der Grund dieses globalen Untergangs.

Eine Idee, die nicht von Hancock stammt, sondern schon von zahllosen Autoren vor ihm publiziert und diskutiert wurde. Bekannt ist hier beispielsweise Otto Muck und sein Buch „Alles über Atlantis“ sowie dessen Vorgängerwerke ab 1954.

Hancocks Ideen fielen nicht plötzlich vom Himmel

Phantasten, Atlantis-Autoren, Grenzwissenschaftler oder „alternative Historiker“ kennen deshalb Hancock und seine zahlreichen Arbeiten, Spekulationen und Forschungen rund um die Welt seit Jahrzehnten sehr gut. Auch der TV-Konsument, der sich nur am Rande für solche Themen interessiert, wird ihn in der Vergangenheit in der ein oder anderen TV-Dokumentation oder -Serie bereits gesehen haben. Zum Beispiel zur Bundeslade, die angeblich in Äthiopien liegt. Oder auch über die Rätsel der Pyramiden von Gizeh.

Seine Bücher wurden in viele Sprachen übersetzt und erreichten teilweise Millionenauflagen. Doch das Medium „Buch“ hat für viele ausgedient. Alternative Online-Medien sind heute das Mittel, mit denen man Menschen erreicht. Und Anbieter wie Netflix. Hier besorgt sich der Konsument Informationen, Unterhaltung und Ablenkung.

Vor genau diesen zusammenfassend dargelegten Hintergründen muss man den aktuellen Aufschrei der Archäologen gegen Hancock seine Netflix-Serie sehen. Denn die in „Ancient Apocalypse“ von ihm und den Produzenten vorgestellten Themen, Thesen und Interpretationen versunkener Monumente sind alles andere als neu. Graham Hancock berichtet über diese vor allem seit den 1990er Jahren in seinen Büchern und im Fernsehen.

Dennoch ist der Aufschrei der anerkannten Altertumsforschung seit dem Start der Doku-Serie groß. Erstaunlich groß sogar, da alles – und noch weit mehr – längst in Hancocks Büchern nachzulesen ist. Seine Ideen und Forschungen fielen nicht plötzlich vom Himmel in die Redaktionsbüros von Netflix und der Produktionsfirma ITN Productions.

„Pseudoarchäologisches Machwerk“

Trotzdem sind etablierte Forscher wie aus dem Nichts plötzlich entsetzt! „Wissenschaftliche Erkenntnisse werden grob falsch dargestellt, die Theorie zeugt von Größenwahn“, schrieb beispielsweise die „FAZ“ zu der Serie. „Problematische Pseudoarchäologie als Netflix-Hit“ titelte „Der Standard„.

Es seien Verschwörungstheorien von Graham Hancock, da er darstelle, dass man seine Forschungsergebnisse in der Archäologie ignoriert. So zitiert „The Conversation“ den Archäologen Steph Halmhofer von der University of Alberta. Und der „Spiegel“ schreibt, die Serie sei „ein pseudoarchäologisches Machwerk – und transportiert ein problematisches Weltbild“.

Diese Beispiele ließen sich aus internationalen Medien endlos weiter führen. Nicht nur aus der Presse, sondern auch mit diversen Veröffentlichungen und Kommentaren jener Archäologen, die Hancock angeblich „mundtot“ machen wollen. Genau sie sind es laut Kritikern, die Hancock in der Serie angreift und verunglimpft. Er stelle sich als Opfer dieser Mainstream-Forschung dar, die unfähig sei, die Spuren der versunkenen Ur-Kultur zu erkennen. So eine der Hauptaussage der Kritiker.

Viele stellen die Serie „Ancient Apocalypse“ deshalb auf eine Stufe mit der fragwürdigen Prä-Astronautik-Serie „Ancient Aliens“, über die auf diesem Blog bereits vielfach berichtet wurde. Beide Serien wären spekulative Pseudo-Forschung und sprächen den frühen Menschen Wissen, Können und Intelligenz ab. Erst eine „höhere Rasse“ haben dies zu ihnen gebracht.

Rassismus

Tatsächlich ein Vorwurf (Rassismus), den sich auch die Idee der Astronautengötter seit mehr als einem halben Jahrhundert zu stellen hat. Hancock würde demnach nicht nur den Berufsstand der Archäologie in Bausch und Boden verunglimpfen und ihnen Unfähigkeit vorwerfen. Ebenso würde er den frühen Menschen, Kulturen und Völkern ihre Leistungen absprechen. Erst die vermutete Ur-Kultur der Steinzeit habe ihnen Wissen und Weisheit gebracht. So die Kritiker.

Und da die Serie auf Netflix nun einen so großen Erfolg hat, erreichen diese Ideen weltweit ein riesen Publikum. Weit mehr, als es Hancock mit seinen Büchern zum Thema könnte. Denn thematisch entsprechenden zumindest die rund 30 Minuten dauernden Folgen der 1. Staffel seinen Büchern. Und auch Netflix stellt die Serie mit folgenden Worten vor:

Der Journalist Graham Hancock reist um die Welt, um nach Hinweisen auf rätselhafte, verlorene Zivilisationen zu suchen, die bis in die letzte Eiszeit zurückreichen.“

Doch die Kritiken reichen noch weiter. Hinzu kommt, dass in der Doku-Serie manipulativ mit Bildmaterial und Aussagen gearbeitet werde, so viele Kritiken. Ein Vorwurf, der eigentlich ausnahmslos jeder TV-Dokumentation gemacht werden kann. Inklusive all jenen, die in den Mainstreammedien zu sehen sind.

„Ancient Apocalypse“: Kritiker laufen Sturm

Da ich nur Hancock seine Bücher (und ihn persönlich) kenne, kann ich das in diesem Fall nicht beurteilen. Ich habe von den bisher 8 Folgen von „Ancient Apocalypse“ nicht eine gesehen. Ich kenne nur die unzähligen Kritiken, die die Serie sogar als „die gefährlichste Serie auf Netflix“ bezeichnen. Gleichzeitig kenne ich aber auch zahlreiche begeisterte Kommentare, Feedbacks, Meinungen und Zuschriften von Zuschauern.

Die unzähligen und teilweise überaus erbosten Stellungnahmen von Seiten der anerkannten Forschung, fasst ein offener Brief sehr gut zusammen. Veröffentlicht wurde dieser bereits am 30. November 2022. Also mehr oder weniger kurz nach dem Start von „Ancient Apocalypse“.

Verfasst hat ihn Daniel H. Sandweiss, Präsident der archäologischen Vereinigung „Society for American Archaeology“ (SAA). Adressiert an Bela Bajaria, Chefin von Netflix, sowie Rachel Corp von der verantwortlichen Produktionsfirma „ITN“. Der offene Brief ist im Original in Englisch auf der Internetseite der SAA zu finden. Hier eine vollständige Übersetzung, die all die Kritikpunkte zusammenfasst:

Offener Brief der „Society for American Archaeology“

Sehr geehrte Frau Bajaria und Frau Corp,

ich schreibe diesen offenen Brief, um die Besorgnis der Society for American Archaeology über die von Graham Hancock moderierte und von ITN Productions produzierte Serie Ancient Apocalypse auszudrücken, die seit dem 11. November auf Netflix ausgestrahlt wird. Diese Serie verunglimpft öffentlich Archäologen und wertet den Berufsstand der Archäologen auf der Grundlage falscher Behauptungen und Desinformationen ab. Ich schreibe Ihnen, um Sie zu ermutigen, das Genre der Serie korrekt zu klassifizieren, Haftungsausschlüsse über die unbegründeten Annahmen in der Serie anzubringen und idealerweise die schädlichen Inhalte in der Serie mit wissenschaftlich korrekten Informationen über unsere menschliche Vergangenheit auszugleichen.

Die Society for American Archaeology (SAA) ist eine internationale Organisation, die sich seit ihrer Gründung im Jahr 1934 der Erforschung, Interpretation und dem Schutz des archäologischen Erbes Amerikas widmet. Mit mehr als 5.500 Mitgliedern vertritt die SAA Berufs- und Hobbyarchäologen, Archäologiestudenten an Hochschulen und Universitäten sowie Archäologen, die in Stammesbehörden, Museen, Regierungsbehörden und im privaten Sektor arbeiten. Die SAA hat Mitglieder in den gesamten Vereinigten Staaten sowie in vielen anderen Ländern der Welt.

Die SAA unterstützt die Arbeit ihrer Mitglieder, um die Vergangenheit der Menschheit durch ethisch begründete wissenschaftliche und humanistische Untersuchungen zu verstehen, um die Erhaltung archäologischer Ressourcen und des kulturellen Erbes durch die Unterstützung von Gesetzgebung und Bildung zu fördern, um die Zusammenarbeit zwischen dem Berufsstand und den Gemeinschaften der Nachkommen zu schaffen und um die berufliche Entwicklung zu unterstützen. Die Mitglieder der SAA setzen sich für die Archäologen in ihren Bemühungen ein, das Wissen über die Vergangenheit voranzutreiben und diese für die Gesellschaft zu schützen sowie eine gerechtere und ausgewogenere Zukunft des Berufsstandes aufzubauen. Die Auswirkungen dieser Sendung stehen in direktem Widerspruch zu Zweck, Auftrag, Zielen und Vision der SAA.

Wir haben drei Hauptbedenken in Bezug auf Ancient Apocalypse:

(1) der Moderator der Serie weist Archäologen und die Praxis der Archäologie wiederholt und energisch mit aggressiver Rhetorik ab und versucht vorsätzlich, unserer Mitgliedschaft und unserem Berufsstand in der Öffentlichkeit Schaden zuzufügen;

(2) Netflix bezeichnet und bewirbt die Serie als „Doku-Serie“, ein Genre, das suggeriert, dass der Inhalt auf Tatsachen beruht, obwohl der Inhalt der Serie auf falschen Behauptungen über Archäologen und Archäologie beruht; und

(3) die Theorie, die sie präsentiert, hat eine langjährige Verbindung mit rassistischen, weißen rassistischen Ideologien; tut den indigenen Völkern Unrecht; und ermutigt Extremisten.

Unsere Bemühungen, die Pseudoarchäologie zu bekämpfen, sind nicht neu. Archäologen haben ausführlich über die Fehler unwissenschaftlicher Theorien und die Gefahren, die sie darstellen, publiziert, darunter mehrere aktuelle Medieninterviews, Meinungsartikel und Beiträge in den sozialen Medien, die sich mit bestimmten Inhalten dieser Sendung befassen. Beliebte Fernsehserien wie Ancient Aliens auf dem History Channel verbreiten seit vielen Jahren falsche Behauptungen über die antike Vergangenheit. Diese Behauptungen rauben den indigenen Völkern häufig die Anerkennung für ihr kulturelles Erbe. Ancient Apocalypse ist jedoch noch schädlicher als Ancient Aliens. Es verunglimpft nicht nur die Kulturen der indigenen Völker, sondern geht noch einen Schritt weiter, indem es Archäologen verunglimpft. Der kämpferische Ton von Graham Hancock schadet der öffentlichen Wahrnehmung der Archäologie.

Nach mehr als einem Jahrhundert professioneller archäologischer Untersuchungen finden wir keine archäologischen Beweise für die Existenz einer „fortgeschrittenen, globalen Eiszeitzivilisation“, wie sie Hancock vorschlägt. Archäologen haben Hunderte von Eiszeitstätten untersucht und die Ergebnisse in streng geprüften Fachzeitschriften veröffentlicht. Die Behauptung, bei Ancient Apocalypse handele es sich um eine sachliche „Doku-Serie“ oder einen „Dokumentarfilm“ und nicht um Unterhaltung mit ideologischen Zielen, ist absurd. Wenn es glaubwürdige Beweise für eine „globale Eiszeit-Zivilisation“ gäbe, wie Hancock sie vorschlägt, würden Archäologen sie untersuchen und ihre Ergebnisse mit der Strenge der wissenschaftlichen Methoden, Praktiken und Theorien unserer Disziplin veröffentlichen. Wenn die Beweise ein wissenschaftliches Peer-Review rechtfertigen würden, würden wir finanzielle Mittel für ihre Untersuchung einwerben, unsere Ergebnisse veröffentlichen und sie in unseren eigenen Informationsmaterialien bekannt machen. Im Gegensatz zu Hancocks Behauptungen ignoriert die Archäologie nicht absichtlich glaubwürdige Beweise und versucht auch nicht, sie auf verschwörerische Weise zu unterdrücken.

Archäologen widmen ihre Karriere und ihr Leben der Erforschung und Weitergabe von Wissen über die Vergangenheit an die Öffentlichkeit. Wenn Hancock Fachleute als „so genannte Experten“ bezeichnet und ihnen vorwirft, „herablassend“ oder „arrogant“ zu sein, so schadet dies unserem öffentlichen Ansehen. Unsere archäologische Gemeinschaft ist nicht monolithisch, sondern äußerst vielfältig. Unsere Mitglieder repräsentieren ein breites Spektrum an Nationalitäten, Ethnien, Geschlechtern und Glaubensrichtungen. Wir sind nicht immer einer Meinung mit einander. Netflix und ITN Productions greifen jedoch aktiv unser Fachwissen an, schüren das Misstrauen gegenüber unserer wissenschaftlichen Gemeinschaft, mindern die Glaubwürdigkeit unserer Mitglieder in der Öffentlichkeit und untergraben unsere umfangreichen und laufenden Bemühungen um Öffentlichkeitsarbeit und Aufklärung.

Die von Hancock aufgestellten Behauptungen haben in der Vergangenheit gefährliches rassistisches Denken gefördert. Seine Behauptung einer fortgeschrittenen, globalen Zivilisation, die während der Eiszeit existierte und von Kometen zerstört wurde, ist nicht neu. Diese Theorie wird seit mindestens 140 Jahren vertreten, debattiert und widerlegt. Sie geht zurück auf die Veröffentlichung von Atlantis: The Antediluvian World (1882) und Ragnarok: The Age of Ice and Gravel (1883) des Kongressabgeordneten Ignatius Donnelly aus Minnesota. Diese Theorie stiehlt den indigenen Völkern die Anerkennung für ihre Errungenschaften und stärkt die weiße Vorherrschaft. Von Donnelly bis Hancock haben die Befürworter dieser Theorie behauptet, dass die weißen Überlebenden dieser fortgeschrittenen Zivilisation für das kulturelle Erbe der indigenen Völker Amerikas und der ganzen Welt verantwortlich seien.

Es hat sich jedoch gezeigt, dass die Erzählungen, auf die sich die Behauptungen über die „weißen Retter“ stützen, von den spanischen Konquistadoren und Kolonialbehörden zu ihrem eigenen Vorteil verändert wurden. Diese wurden anschließend zur Förderung einer gewalttätigen weißen Vorherrschaft genutzt. Hancocks Erzählung ermutigt extreme Stimmen, die archäologisches Wissen falsch darstellen, um falsche historische Erzählungen zu verbreiten, die offen frauenfeindlich, chauvinistisch, rassistisch und antisemitisch sind.

Aus diesen Gründen fordern wir sowohl Netflix als auch ITN Productions auf, jegliche Kennzeichnung zu entfernen, die besagt oder impliziert, dass es sich bei dieser Serie um einen Dokumentarfilm oder eine Doku-Serie handelt, und die Serie als „Science Fiction“ einzustufen. Wir fordern sowohl Netflix als auch ITN Productions auf, die Serie mit einem Hinweis darauf zu versehen, dass ihr Inhalt unbegründet ist. Wir fordern Netflix außerdem auf, eine Politik zu entwickeln, die ein Gleichgewicht zwischen solchen falschen Erzählungen und der Präsentation wissenschaftlicher Dokumentationen und genauer Berichterstattung über das Wissen schafft, das Archäologen geschaffen haben und weiterhin jeden Tag schaffen.

Ich danke Ihnen,

Daniel H. Sandweiss, Ph.D., RPA-Präsident

Es gibt keine schlechte Presse

„Archäologen widmen ihr Leben und ihre Karriere der Erforschung und Weitergabe von Wissen über die Vergangenheit an die Öffentlichkeit“, schreibt die SAA auch auf ihrer Webseite zu diesem offenen Brief. Doch die Netflix-Serie „untergräbt das Vertrauen in ihre Arbeit und steht im Einklang mit rassistischen Ideologien“, heißt es weiter. Die Doku-Serie sei nicht weiter als eine „Sendung, die Archäologie und Archäologen verunglimpft und rassistischen Ideologien anhängt“. Und deshalb sollte der „schädliche Inhalt“ der Serie zumindest als „Science-Fiction“ klassifiziert werden.

So lässt sich der offene Brief in knappen Worten zusammenfassen. Worte, die sich andere Kritiker und verschiedene Presseberichte angeschlossen haben. Für Netflix und Graham Hancock ist dieser mediale Aufschrei von Seiten der etablierten Archäologie ohne Zweifel ein Segen: Kostenlose Werbung mit großer Reichweite! „Es gibt keine schlechte Presse“, heißt es so schön. Das zeigt unter anderem auch der große Erfolg seines Buches „America Before„.

Für die „Mitstreiter“ von Hancock sind solche Vorwürfe und Kritiken ein Beweis, dass der Autor Recht hat. Es wird tatsächlich versucht, sind diese sicher, seine Erkenntnisse von Seiten der anerkannten Forschung zu vertuschen und ihn „mundtot“ zu machen. So, wie es Hancock selber in der Serie darstellen soll.

Nichtsdestotrotz ist es nicht minder eine Tatsache, dass Hancock in den vergangenen Jahrzehnten rund um den Globus seinen Ideen vor Ort nachging. Mit dem nötigen Kleingeld kann er archäologische Mysterien selber erkunden. Dazu gehören auch Gespräche mit entsprechenden Forschern in den jeweiligen Ländern (Beispiel HIER).

Eine „weiße Ur-Zivilisation“?

Die Verbreitung von „rassistischen Ideologien“, die die Serie und damit Hancock fördern soll, ist ein schwerer Vorwurf! Ein Vorwurf, zu dem sich einst auch Erich von Däniken auf diesem Blog HIER rechtfertigen „musste“.

„Die weißen Überlebenden dieser fortgeschrittenen Zivilisation“ wären auch nach dem offenen Brief von Sandweiss nach Hancocks Ansicht „für das kulturelle Erbe der indigenen Völker“ in aller Welt verantwortlich. Auch wenn ich selber die Serie nicht kenne, weiß ich nicht, wo Hancock solche Ansichten in einem seiner Bücher veröffentlicht haben soll. „Weiße“ einer Ur-Kultur, die den „Primitiven“ das Wissen brachten?!

Hancock – und viele andere – propagieren vielmehr einen globale Kultur. Einen Austausch der jeweiligen Völker untereinander. Hinweg über die Kontinente, durch eine längst vergessen Seefahrt vor vielen tausend Jahren, die heute in Vergessenheit geriet. Beispielsweise sind die archäologischen Hinterlassenschaften in Nordamerika für Hancock das, was sie sind: Relikte der Ureinwohner Amerikas – die von diesen aber teilweise weitaus früher errichtet wurden, als allgemein angenommen.

Was übrigens auch nach der „klassischen Archäologie“ stimmt, wie in diesem Video HIER gezeigt!

Trotzdem haben die vielen Vorwürfe ein „Nachspiel“ für Graham Hancock gehabt. Er und ein Netflix-Team wollten in Ohio an den berühmten „Great Serpent Mound“ Aufnahmen für eine Folge der kommende Serie drehen. Dieser „Mound“ ist ein Erdwerk in Form einer Schlange der Ureinwohner Amerikas, die es in den USA in großer Form und Zahl gibt. Heilige Plätze der Indianer. Deshalb untersagte die „Ohio History Connection“ (OHC), die diesen Mound pflegt und verwaltet, in einer eMail an die Produktionsfirma der Serie Dreharbeiten vor Ort für „Ancient Apocalypse“.

Hancock hat diese Mail bereits Mitte Dezember 2022 auf Twitter und Facebook öffentlich gemacht. Demnach wirft Savannah Robles von der OHC Graham Hancock vor, dass er Theorien und eine Geschichte verbreitet, die nicht mit der Wahrheit über dieses Erdwerk übereinstimmen. Am Ende komme ich darauf zurück.

„Eine Zivilisation, die den Menschen einst gemeinsam war“

In dem eher weniger bekannten Hancock-Buch „Heaven’s Mirror“ (in deutsch erschienen als „Spiegel des Himmels„) hat er seine Überzeugungen 1998 besonders eindrücklich in Bildern dokumentiert. Es wären seiner Meinung nach „Zeugnisse einer Zivilisation, die den Menschen einst gemeinsam war“ (Hervorhebung, LAF), erfahren wir in diesem Buch. Und dieses Werk verfasste er gemeinsam mit Santha Faiia, die vor allem das Bildmaterial auf seinen Reisen dazu anfertigte.

Nicht zum ersten Mal. Denn Santha Faiia Hancock, so ihr vollständiger Name, ist seine Ehefrau. Sie ist eine Schwarze und stammt aus Malaysia. Schon bei seinem Bundesladen-Weltbestseller „The Sign And The Seal“ (1992) war sie im Vorfeld als professionelle Fotografin an seiner Seite. Seit dem war Faiia praktisch bei allen Recherchen dabei. Auch und vor allem als Fotografin.

Ein Brite, der seit Jahrzehnte mit einer Farbigen verheiratet ist und mit ihr 4 Kinder hat. Dieser verbreitet folglich in seiner Show „Ancient Apocalypse“ rassistisches Gedankengut und „Behauptungen über die ‚weißen Retter'“ (laut SAA)? Passt das wirklich zusammen? Wird hier nicht mit schmutzigen Kanonen auf Spatzen geschossen?

Zumal nach den Thesen der globalen Ur-Kultur der Wissensaustausch gegenseitig erfolgte. Die Ozeane waren keine Einbandstraßen, die nur in eine Richtung führten. Hinzu kommt, dass schon vor der Autoren- und Forscher-Karriere von Hancock diskutiert wurde, ob Schwarz-Afrikaner in Mittelamerika waren. Bei dem Volk der Olmeken. Gleiches gilt für indigene Völker Amerikas, die in die „Alte Welt“ oder den Pazifik gelangten, wie es Thor Heyerdahl vermutete. Heyerdahl war auch sicher, dass alte indische Kulturen bis zu den Malediven im Indischen Ozean kamen und es hier einen Austausch gab (mehr dazu HIER).

War demnach auch Forscher-Legende Heyerdahl ein Rassist mit schädlichen Ideologien? Wahrscheinlich wäre er es heute, denn der 2002 verstorbene Forscher war blond und stammte aus Norwegen …

„Zutiefst beleidigt“

Natürlich nahm auch Hancock die unsäglichen Rassismus-Vorwürfe zur Kenntnis. Zumal Professor John Hoopes von der Universität von Kansas schon im Vorfeld der Serie verlautbaren ließ, dass er für die Medien gerne bereit stünde, die Serie zu kommentieren. „Und insbesondere darauf einzugehen, wie ‚Hancocks Schriften mit dem Dogma der weißen Vorherrschaft übereinstimmen und es verstärken'“, wie es Hoopes in einer Presseerklärung mitteilte. Und zwar am  25. Oktober 2022 und damit über zwei Wochen vor der Netflix-Ausstrahlung.

Hancock hat diese (und andere Äußerungen) selber auf seiner Internetseite kommentiert. Unter anderem auch, dass die etablierten Forscher und Archäologen sich strickt weiger, mit ihm und seinen Kollegen öffentlich zu debattieren. In diesem Zusammenhang unterstrich er mehrfach, dass er dazu bereit ist. Und schlug Orte und Gelegenheiten dazu vor beziehungsweise nannte diese.

„Noch einmal“, so Hancock, „alles, was die orthodoxe Seite jetzt tun muss, ist, sich zu stellen oder die Klappe zu halten“. Vor allem auch Hoopes soll nun „seinen Worten Taten folgen zu lassen“. Graham Hancock schreibt in seinen Stellungsnahmen dazu weiter:

Ich bin mit einer farbigen Frau verheiratet, habe vier gemischtrassige Kinder und sieben gemischtrassige Enkelkinder, und Hoopes‘ sehr öffentliche Kampagne, mich mit Rassismus und weißer Vorherrschaft in Verbindung zu bringen, hat mich zutiefst beleidigt. Ich fühlte mich meinem guten Namen und der Ehre meiner Familie gegenüber verpflichtet, ihn zur Rechenschaft zu ziehen.“

Zensur, Drehverbot, Meinungsfreiheit

Zurück zum Drehverbot für Graham Hancock, Netflix und ITN am „Serpent Mound“ durch die dortige Verwaltung OHC. Diese betont in ihrer eMail an ITN, dass das Erdwerk eine sakrale Stätte der indigenen Ureinwohner Amerikas sei. Deshalb wäre Hancocks neue Geschichtsschreibung ein Sakrileg, wenn man es so will. Eben aus dem Grund, da er den Indianern diesen Mound quasi absprechen würden.

Das Verbot ist aber nicht neu. Die Mail erreichte die Produktionsfirma bereits am 14. April 2021, als „Ancient Apocalypse“ noch gar nicht auf Netflix zu sehen war! Damals war man noch mitten in den Dreharbeiten und in der Produktion der Doku-Reihe. Hancock hat die Mail aber erst am 18. Dezember 2022 öffentlich gemacht. Damit wollte er eine Zensur und Beschneidung der Meinungsfreiheit in den USA belegen. Wörtlich schrieb er bei Facebook zu der fraglichem eMail:

Ein wichtiges Thema der Zensur, das in meiner Netflix-Dokuserie Ancient Apocalypse angesprochen wurde, war die Tatsache, dass mir und meinem Filmteam von ITN Productions verboten wurde, am Serpent Mound in Ohio zu drehen. In Folge 6 der Serie las ich vor den verschlossenen Toren von Serpent Mound die E-Mail mit dem Verbot vor. Unsere Arbeit an der Stätte war daher auf das beschränkt, was wir mit Drohnen und Archivmaterial erreichen konnten.

Viele sind erstaunt, dass eine solche Einschränkung der Meinungsfreiheit in einer Serie, die viele Millionen Zuschauer erreichen würde, in den Vereinigten Staaten passieren konnte, und einige bezweifeln, dass dies tatsächlich geschehen ist. Deshalb gebe ich hier die offizielle E-Mail des Koordinators für Öffentlichkeitsarbeit der Ohio History Connection wieder, in der uns die Drehgenehmigung verweigert wurde. In den letzten beiden Zeilen ist zu lesen, dass die Verweigerung nichts mit dem Schutz der physischen Integrität oder der heiligen Natur der Stätte zu tun hatte, sondern ausschließlich mit der Begründung erfolgte, dass meine Ansichten über die ferne Vergangenheit des Serpent Mound nicht mit denen der Mainstream-Archäologie übereinstimmen.“

Falsche Zeit, richtige Baumeister

Folglich wollten die OHC-Verantwortlichen nicht, dass Hancock quasi die heilige Stätte mit seinen Ideen beschmutzt. Und zwar vor der Ausstrahlung der Netflix-Serie. Sie kannten also eindeutig im Vorfeld bereits seine Thesen, Ansichten, Forschungen und Bücher. Als historische Bauwerke mit astronomischen Zusammenhängen (die übrigens in den 1990er schon Terra X in der ZDF-Doku „Pyramiden in Amerika“ zeigte) sind Mounds in den USA tatsächlich auch Thema bei Hancock.

Auch Mythologien und Überlieferungen der amerikanischen (und anderer) Ureinwohner zieht Hancock in seinen Büchern immer wieder heran. Zum Beispiel 2016 in „Die Magier der Götter„. Dort unter anderem als mythologische Erinnerungen der Ur-Amerikaner an die Katastrophe eines Kometen-Einschlages, der besagte Eiszeitzivilisation vernichtet haben soll.

Doch wie genau kennt man bei den Verantwortlichen die Veröffentlichungen von Graham Hancock wirklich? So schreibt auch er in seinem Facebook-Beitrag zu den Vorwürfen weiter:

Für das Protokoll, wie jeder, der mein 2019 erschienenes Buch ‚America Before: The Key to Earth’s Lost Civilization‚ liest, wird schnell feststellen, dass ich die Entstehung von Serpent Mound ausschließlich den amerikanischen Ureinwohnern zuschreibe. Wo ich mich von den Archäologen der Ohio History Connection unterscheide, sind die Beweise, die ich vorlege, dass die Ursprünge der Stätte auf etwa 12.800 Jahre zurückgehen und nicht auf die viel jüngeren Daten, die von der OHC favorisiert werden.

Worte und Vorwürfe wie „Zensur“ sind wahrscheinlich eher unpassend. Vielmehr wollte die OCH wohl lieber von Vornherein nichts mit alternativen Thesen rund um das Heiligtum zu tun haben. Vielleicht gewarnt durch die US-Serie „Ancient Aliens“ und den darin enthaltenen Spekulationen über Außerirdische. Zugleich aber sind Vorwürfe wie „Rassismus“ gegenüber Graham Hancock wohl nur eine reine Schmutzkampagne. Und fraglos für Netflix und Hancock gute Werbung.

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Euer Jäger des Phantastischen

Lars A. Fischinger

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