Studie wirft neues Licht auf den Handel der Steinzeit: Die 30.000 Jahre alte Venus von Willendorf stammt aus Italien oder der Ukraine

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Studie: Die 30.000 Jahre alte Venus von Willendorf stammt aus Italien oder der Ukraine (Bilder: G. W. Weber / Montage/Bearbeitung: Fischinger-Online)
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Studie: Die 30.000 Jahre alte Venus von Willendorf stammt aus Italien oder der Ukraine (Bilder: G. W. Weber / Montage/Bearbeitung: Fischinger-Online)

Vor über 100 Jahren entdeckten Archäologen die sogenannte „Venus von Willendorf“ in Österreich. Eine rund 30.000 Jahre alte Steinfigur einer üppigen Frau, wie sie ähnlich in vielen Teilen Europas gefunden wurden. Forscher haben jetzt das Gestein der Willendorf-Venus genauer analysiert und kamen zu einem erstaunlichen Ergebnis. Demzufolge wurde es vor zehntausenden von Jahren aus dem Gebiet des Gardasee in Norditalien oder dem Donezbecken (Donbas) im Osten der Ukraine nach Österreich importiert. Quer über die Alpen oder über tausende von Kilometern in der Steinzeit.


Sensationsfund „Venus von Willendorf“

Anfang August 1908 wurde das winzige Dorf Willendorf in der Wachau im Nordosten von Österreich weltberühmt. Dort fanden Arbeiter bei Gleisarbeiten für die „Donauuferbahn“ Spuren früher menschlicher Besiedlungen. Verständigte Archäologen entdecken daraufhin in nicht mal 30 Zentimetern Tiefe eine kleine Frauenfigur aus Stein. Heute ist sie als „Venus von Willendorf“ weltberühmt.

Die Figur selber ist wenig spektakulär und gehört zu einer ganzen Reihe von gefundenen Frauenfiguren, die als „Venus“ bezeichnet werden. Venusfigurinen, die in vielen Teilen Europas über zehntausende Jahre hinweg angefertigt wurden und noch heute viele Rätsel aufgeben. Aufgrund der übertrieben dargestellten weiblichen Rundungen sehen viele Archäologen in diesen Figuren vor allem Kultobjekte der Fruchtbarkeit.

Vor fünf Jahren sah Facebook in dieser Figur übrigens aufgrund genau dieser üppigen Weiblichkeit mit den großen Brüsten Pornografie: Das Bild wurde als „gefährlich pornografisch“ zensiert.

Auch die etwa 11 Zentimeter kleine „Venus von Willendorf“ als wohl eine der bekanntesten Frauenfiguren dieser Art wird in diese Richtung interpretiert. Aufgrund ihres Erhaltungszustandes und ihres Alters von rund 30.000 Jahren ist diese Venus längst ein nationaler Schatz Österreichs. Fast 100 Jahre bekamen sie nur ausgewählte Forscher persönlich zu sehen, da sie sicher verwahrt im Museums-Tresor lag und Besucher des Museums nur eine Kopie gezeigt bekamen.

Heute befindet sie sich im Naturhistorischen Musuem von Wien in einer gesicherten Vitrine. Und in vielen Museen der Welt kann man unlängst Kopien der Venus kaufen.

Wobei es sogar bei einer anderen Venus-Figur bereits vorkam, dass man plötzlich bemerkte, dass im Safe nur ein Kopie für Touristen verwahrt wurde. Offenbar vertauschte man die echte „Venus von Aufhausen“ mit wertloser Massenware, die in München angefertigt wurde, wie in diesem Mystery Files-Video HIER berichtet.

Handel vor 30.000 Jahren

Bisherige Forschungen an der „Venus von Willendorf“ konzentrierten sich vor allem auf deren Interpretation. Vor allem deshalb, dass bei späteren Ausgrabungen an der Fundstelle 1926 zwei weitere Venus-Figuren gefunden wurden. Diese werden schlicht „Venus II“ und „Venus III“ genannt und sind in einem wesentlich schlechteren Erhaltungszustand. Dies mag daran liegen, dass diese nicht aus Stein geformt wurden, sondern hierbei Elfenbein genutzt wurde.

Bei der „Venus von Willendorf“ konnten chemische Untersuchen auch nachweisen, dass diese Figur einst anders ausgesehen haben muss. Vor allem im Bereich des Kopfes, dort, wo Haare oder eine Kopfbedeckung dargestellt wurden, konnten Farbreste gefunden werden. Folglich haben vor 30.000 Jahren die Steinzeitmenschen diese Figur nach Fertigstellung zusätzlich bemalt. Ein Beweis für die Wertschätzung, die man damals der weiblichen Figur entgegen brachte.

Ein weiterer Beweis für den kulturellen oder sozialen Wert der „Venus von Willendorf“ ist ihre Herkunft. Ein Forscherteam unter Leitung von Wissenschaftlern der Universität Wien und des Naturhistorischen Museums Wien um Gerhard W. Weber untersuchte jetzt das Gestein des Kunstwerkes genauer. Mit Hilfe eines Computertomographen analysierten sie die exakte innere Struktur des Gesteins, um diese mit bekannten Gesteinsarten aus Europa zu vergleichen.

Nach diesen Analysen stelle sich heraus, dass das Gestein oder sogar die Figur selber nicht aus Österreich stammt. Es wurde nach Willendorf importiert, wie die Forscher in ihrer Untersuchung in „Scientific Reports“ berichten. Als Herkunft des Oolith genannten Gesteins der Venus identifizierten sie die kleine Gemeinde Sega di Ala am Gardasee in Norditalien.

Reisende aus Italien oder der Ukraine

Die Übereinstimmungen der Gesteinsproben von Sega di Ala und der „Venus von Willendorf“ lassen den deutlichen Schluss zu, dass hier die Herkunft des Venus oder des Rohlings liegt, so die Forscher. Allerdings sei das nicht zu 100 Prozent sicher zu beweisen, wie sie unterstreichen. Vielleicht liegt der Ursprung auch Donezbecken (Donbas) in der Ukraine, wobei hier die Übereinstimmungen nicht so deutlich wären wie bei dem Gestein vom Gardasee.

Was die Forscher durch solche Untersuchungen nicht belegen können, ist die Frage, ob die Venus selber am Gardasee geschnitzt wurde und dann nach Nord-Österreich gelangte. Es scheint aber doch sehr fragwürdig, dass Menschen der Steinzeit Steine aus Italien importieren, um daraus in der Heimat Figuren zu fertigen. Gestein findet sich überall und auch von besserer Qualität als das Sedimentgestein Oolith. Hinzu kommt, dass die beiden anderen, jüngeren Venus-Figuren, die später in Willendorf ausgegraben wurden, aus Elfenbein bestanden.

Warum sollten zuvor die dortigen Menschen italienisches Gestein als Rohmaterial importieren?

Wahrscheinlicher scheint, dass die Venus aus Italien über die Alpen importiert wurde. Händler aus dem nördlichen Österreich brachten sie von ihrer Reise in den Süden mit. Oder italienische Reisende gingen in den Norden jenseits der Alpen und hatten die Figur bei sich.

Handel und Neugier als Triebfeder der Steinzeit

Ob eine fix und fertige Venus-Figur importiert oder von Italien exportiert wurde, oder nur der Rohling: Sämtliche Wege belegen, dass vor zehntausenden von Jahren Menschen in Europa miteinander in Kontakt standen und Fernhandel betrieben. Vor 30.000 Jahren waren die Alpen folglich kein Hindernis, um andere Menschen in anderen Teilen der Welt aufzusuchen. Luftlinie liegen Willendorf und Sega di Ala fast 500 Kilometer auseinander. Quer über die eisigen Gipfel der Alpen.

Dieser alternative Handessweg, den auch die Forscher um Weber in ihrer Studie diskutieren, wäre eine östliche Route um die Alpen herum. Dieser führt von Sega di Ala nördlich der Adria entlang, weiter durch das heutige Slowenien und Ungarn, dann an Wien vorbei bis nach Willendorf. Eine Strecke von gut 800 Kilometern. Und kamen die Händler der Steinzeit aus dem Donezbecken in der Ukraine, war die Reise nicht weniger beschwerlich. Das Gebiet liegt im Osten der Ukraine, fast 2.000 Kilometer Luftlinie vom Fundort der Willendorf-Venus entfernt.

Solche neuen Forschungsergebnisse der Archäologie zeigen einmal mehr, dass unsere Vorfahren von zehntausenden von Jahren längst die Welt entdeckten. Handel war (sicher neben Neugier) die Triebfeder der Gesellschaft.

Euer Jäger des Phantastischen

Lars A. Fischinger

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