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Rethra, das Atlantis der Heiden nahe der Ostsee – und die Jahrhundertfälschung in der Geschichte Mecklenburg-Vorpommerns (+ Videos)

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Rethra, das Atlantis der Heiden nahe der Ostsee - und die Jahrhundertfälschung in der Geschichte Mecklenburgs (Bilder: gemeinfrei & WikiCommons CCO/RonnyKrüger / Montage: Fischinger-Online)
Rethra, das Atlantis der Heiden nahe der Ostsee – und die Jahrhundertfälschung in der Geschichte Mecklenburgs (Bilder: gemeinfrei & WikiCommons CCO/RonnyKrüger / Montage: Fischinger-Online)

Das versunkene Atlantis ist in der Form, wie sie Platon vor mehr als 2.400 Jahren überliefert hat, einmalig auf der Welt. Doch vielerorts finden sich versunkene Orte oder Städte, die man gerne mit dem Attribut „Atlantis“ belegt. Auch in Deutschland. ein eher weniger bekanntes „Deutsches Atlantis“ ist das untergegangene Rethra in Mecklenburg-Vorpommern. Ein Zentrum der „Heiden“, das bereits an über 30 Orten angeblich lokalisiert oder zumindest gesucht wurde. Und das mangels Beweisen für seine einstige Lage einst zum größten Betrug in der Archäologie Mecklenburg-Vorpommerns führte. Hier erfahrt Ihr die Geschichte und den Mythos hinter dem versunkenen Rethra, dem Betrug aus dem 18. Jahrhundert dazu und was – vielleicht – Platons Atlantis damit zu doch tun hat.


Atlantis und Atlantisse

Atlantis gab es nur ein einziges Mal und es soll vor tausenden Jahren versunken sein. Zumindest hat das der Grieche Platon vor über 2.400 Jahren in seinen Schriften behauptet. Doch so wie Atlantis einst unterging, so gibt es zahlreiche Orte, die im Laufe der Geschichte verschwanden. Oder verschwunden sein sollen, da ihre wirkliche Existenz vielfach unbelegt ist. Einige davon haben die Gemeinsamkeit, dass man sie heute in Anlehnung an Platon „Atlantis von XY“ nennt. Schnell kann so selbst der Laie mit diesem Begriff etwas anfangen.

Auch Deutschland hat solche „Atlantisse“ in der Geschichte vorzuweisen. Bekannt sind hier vor allem Vineta in der Ostsee und Rungholt im Wattenmeer der Nordsee, über die zum Beispiel in den ersten beiden Mystery Files-Videos unten bereits berichtetet wurde (derzeit noch für Fans und Kanalmitlieder!) Diese Ortschaften gingen nicht wie das klassische Atlantis vor vielen tausend Jahren unter, sondern teilweise erst im Mittelalter. Doch auch hier blieben nur Legenden.

Wobei es bei Rungholt als „Atlantis der Nordsee“ etwas anders aussieht. Hier existieren eine ganze Reihe archäologischer Funde und Spuren im seichten Wattenmeer südöstlich der heutigen Insel Pellworm. Und erst kürzlich kamen neue hinzu, wie im 1. Video unten berichtet. Grundsätzlich aber gab es dutzende „Atlantisse“, die hier in Nordfriesland versunken sind. Doch nur Rungholt wurde legendär und bekam die Spitznamen „Atlantis der Nordsee“.

Viele Legenden über solche untergegangenen Orte und Stätten ähneln sich in nicht wenigen Details. Oft sprechen sie vom unermesslichen Reichtum der Bürger, einem daraus resultierenden Sittenverfall und einer um sich greifenden Gottlosigkeit. Das brachte das Ende und damit den Untergang als eine Strafaktion des Herrn. Elemente, die schon bei Platon in der Legende seines Atlantis zu finden sind.

Rethra, die versunkene Stadt der Heiden

Der Laie wird bei (im Meer) versunkenen Städten in Deutschland wohl nicht mehr als Rungholt und vielleicht noch Vineta kennen. Zwei christliche Orte, die damit in historischer Zeit anzusiedeln sind. Aber bekanntlich wird die Geschichtsschreibung immer dunkler, je weiter man in die Vergangenheit geht. Und so ist es auch bei einer anderen Siedlung, die im vorchristlichen Zeitalter in der Ostsee bzw. nahe dem Meer untergegangen ist.

Diese Stadt oder besiedelte Befestigung wird meist Rethra genannt. Von ihr blieben nichts als Legenden, die von ihrer Lage, ihrem Aussehen, ihrem Verschwinden und den einstigen Bewohnern künden. Und sich dabei fast immer widersprechen und unterscheiden. Denn gefunden hat dieses sagenhafte Rethra bisher niemand. Obwohl inzwischen über 30 Orte bekannt sind, an dem dieser gesucht oder vermutet wurde.

Diese Lokalisierungsversuche überziehen fast das gesamte heutige Mecklenburg-Vorpommern und reichen bis in den Norden Brandenburgs sowie bis nach West-Polen (Stargard/Szczecinski). Lediglich zwei Orte, an denen Rethra gelegen haben soll, die Städte Wolgast und Lassan, liegen dabei direkt an der Ostsee. Alle anderen angeblichen Lokalisierungen liegen zum Teil sehr weit im Landesinneren und fernab von jedem Wasser. Die Mehrzahl aber an diversen Seen, an denen es auf der berühmten Mecklenburgischen Seenplatte bzw. in Mecklenburg-Vorpommern an sich nicht gerade mangelt.

Dennoch gibt es seit Jahrhunderten einen Favoriten, wo das heidnische Rethra gelegen haben soll. Es ist der etwa 10 Kilometer lange und bis zu knapp über 30 Meter tiefe Tollensesee mit der darin gelegenen Fischerinsel und dem südlich davon gelegenen See Lieps. Beide Gewässer liegen unmittelbar nebeneinander und sind durch Kanäle miteinander verbunden. Ganz im Norden liegt der Ort Neubrandenburg am Ufer des Tollensesee. Eine heute beliebte Urlaubsregion.

Ein heidnisches „Atlantis“ im Tollensesee und in der Lieps?

Der See Lieps unterscheidet sich mit durchschnittlich knapp über 2 Metern Tiefe und einer Größe von nur 3 x 2,5 Kilometern deutlich vom Tollensesee. Dennoch kann man dieses Gebiet als eine „Einheit“ ansehen, die sicher auch schon in „heidnischer Zeit“ Menschen anzog. Waren unter ihnen auch die Gründer des Ortes Rethra? Lokal ist man davon überzeugt, da 2003 der Name „Rethra“ als Marketingmittel für die Region markenrechtlich geschützt wurde.

Tatsächlich gibt es dort archäologische Funde aus der heidnischen Zeit der Slawen. Unter anderem ein Idol oder eine „Götze“ aus Holz, das auf der Fischerinsel im Tollensesee entdeckt wurde. Ebenso finden sich an und in den Seen Reste von Ringwallanlagen und andere Siedlungsspuren. Seit mindestens dem 7. Jahrhunderten siedelten diesen Funden nach Menschen im südlichen Bereich des Tollensesee inklusive der dortigen Fischerinsel und dem Gebiet Lieps. Aus diesem Grund vermuten viele, dass Rethra einst genau dort gelegen haben muss. An der Spitze der Halbinsel Nonnenhof in der Lieps sind sogar noch heute die Reste einer entsprechenden Burgwallanlage zu sehen. „Bacherswall“ wird diese genannt.

Eine versunkene Insel

Versunken ist dort aber nachweislich tatsächlich eine etwa 3.000 Quadratmeter kleine Insel namens Binsenwerder in dem See Lieps. Das war allerdings erst im 13. Jahrhunderte, als der See aus wirtschaftlichen Gründen absichtlich um 1,5 Meter aufgestaut wurde. Viele archäologische Funde und Spuren ging so verloren oder können heute nur durch Unterwassergrabungen gesichert werden. Unter anderem die Funde von der Fischerinsel beweisen jedoch, dass hier ein bedeutendes Siedlungsgebiet der „Heiden“ lag. Inklusive Kultstätten und archaische Tempel.

Funde von Silber, Keramik, Waffen, Münzen, Äxte, Bauten und nicht zu Letzt Ringwallanlagen deuten sogar darauf hin, dass hier ein wichtiges Zentrum unserer Vorfahren lag. Im Lokalmuseum von Neubrandenburg sind einige diese Objekte heute zu bestaunen.

So verlockend es auch sein mag, Rethra im Bereich südlicher Tollensesee, Fischerinsel und Lieps zu lokalisieren, Belege dafür gibt es nicht. Dafür sind die überliefern Informationen über die Lage des Ortes schlicht zu ungenau und widersprüchlich.

Nichtmal der eigentlich Name der Stadt oder Festung war späteren christlichen Autoren mehr bekannt. Ebenso wenig wie die der dort verehrten Götter, für die eigens Tempel erbaut wurden. Einige sprachen sogar ein zentralen Heiligtümern, was die Bedeutung des Ortes unterstreicht. Einig war man sich nur dahingehend, dass der Ort ein Zentrum von Macht, Politik. Wirtschaft und Glaube der Lutizen war. Ein Verbund vier verschiedener Slawen-Stämme, zu denen auch die Redarier gehörten.

Fantasievolle Beschreibungen

Die Chronik des Geschichtsschreibers und Kirchenmannes Thietmar von Merseburg gilt als ältestes Zeugnis von Rethra. Er lebte von ca. 975 bis 1018 nach Christus und nennt die Ortschaft Riedegost, in der die Gottheit Zuarasici verehrt wurde. Adam von Bremen nennt in seiner zwischen 1070 und 1076 verfassten „Geschichte des Erzbistums Hamburg“ die Gottheit selber Riedegost. Verheert in einem Heiligtum in dem Ort Rethra, der das Zentrum „ihres Teufelsglaubens“ sei. Fantasievoll überliefert der Chronist vor rund 1050 Jahren weiter:

Sein Bild ist aus Gold gefertigt, sein Lager von Purpur. Die Burg selbst hat neun Tore und ist ringsum von einem tiefen See umgeben. Ein Knüppeldamm gewährt Zugang, aber er darf nur von Leuten betreten werden, die opfern oder Orakelsprüche einholen wollen.“

Nach dieser Beschreibung lag der versunkene Ort mitten in einem See auf einer Insel. Und mit angeblich neun Toren war er sicherlich auch keine kleine Ansiedlung. Thietmar von Merseburg sah das in Band VI seiner „Chronik“ ganz anders:

Im Redariergau liegt die dreieckige und dreitorige Burg Riedegost, rings umgeben von einem großen, für die Einwohner unverletzlich heiligen Walde. Zwei ihrer Tore sind dem Zutritt aller geöffnet. Das dritte und kleinste Osttor mündet in einen Pfad, der zu einem nahe gelegenen, sehr düsteren See führt.

In der Burg befindet sich nur ein kunstfertig errichtetes, hölzernes Heiligtum, das auf einem Fundament aus Hörnern verschiedenartiger Tiere steht. Außen schmücken seine Wände, soviel man sehen kann, verschiedene, prächtig geschnitzte Bilder von Göttern und Göttinnen. Innen aber stehen von Menschenhänden gemachte Götter, jeder mit eingeschnitztem Namen.

Das Ende von Rethra

Bis hoch nach Rügen in der Ostsee und weiter nach Osten zum Fluss Oder gibt es gut zwei Dutzend heute bekannter Plätze, die einstmals heidnische Tempel in dieser Art waren. Und sicher waren es vor über 1.000 Jahren noch weit mehr. Auch sie müssen in dieser Form als etwas Besonders im Herrschaftsgebiet der Liutizen gelten. Alle mussten bedeutende und vor allem große Glaubes-Zentren gewesen sein, da um sie herum eine entsprechende Infrastruktur für deren Betrieb funktioniert haben muss. Angefangen bei einer angesiedelten Landwirtschaft und Platz für Pilger, Priester, Wächter/Krieger und Händler bis zu Straßen.

Rethra als machtpolitisches und religiöses Zentrum diente den „Heiden“ auch als Versammlungsort und Aufmarschgebiet bei ihren Kämpfen. Zum Leidwesen der Christen und feindlicher Stämme, wurden von dort Feldzüge und Aufstände begonnen. Ab 1056 kam es erneut zu Kämpfen der Liutizen und der Ort büßte mehr und mehr seiner Bedeutung ein.

Letztlich war es mutmaßlich der christliche Bischof Burchard II. von Halberstadt (1028 – 1088), der Rethra 1068 den Todesstoß versetzte. Der Ort wurde vernichtet, der Tempel zerstört, die Heiligtümer verschleppt. Und letztlich blieb nur eine mythische Erinnerung an das versunkene Rethra. So dokumentierte es es Rainer Szczesiak in seiner Arbeit „Auf der Suche nach Rethra! Ein interessantes Kapitel deutscher Forschungsgeschichte“ schon 2007.

Schon anhand dieser Jahresdaten wir klar, dass der eigentliche Untergang nicht sicher datiert werden kann.

Das man von einem so bedeutenden Ort, der vor gerade mal rund 1.000 Jahren verschwand, nicht mehr weiß, wo er ungefähr lag, ist ebenso ungewöhnlich. Die über 30 Orte, an denen Rethra vermutet wurde, umfassen immerhin über 20.000 Quadratkilometer. Ein deutlicher Beleg, dass man hier die Nadel im Heuhaufen sucht.

Nichts als Legenden blieben

Bekanntlich wandeln sich Legenden, Mythen und Überlieferungen. Sie werden aufgebauscht, verändert oder Namen von handelnden Personen und Göttern sowie Orte und Ortsnamen werden dabei auch mal ausgetauscht. Jeder Mystery-Jäger und Prä-Astronautik-Forscher wie ich kennt das aus der Geschichte zu Genüge. Und am Beispiel Rethra sieht man, dass es dazu nicht mal tausende von Jahren wie beim klassischen Atlantis bedarf. Auch nicht eine mündliche Ausbreitung durch verschiedene Kulturen und in in vollkommen andere Regionen der Erde.

So hat beispielsweise Jodocus Deodatus Hubertus Temme 1840 in seinem Werk „Die Volkssagen von Pommern und Rügen“ folgende Sage über den Ort wiedergegeben:

In den uralten heidnischen Zeiten war in Pommern eine berühmte Stadt, Rethra heißen. Dieselbe war der Hauptsitz des Pommerschen Götter, besonders des Götzen Radigast oder Redigast.

Die Stadt Rethra war groß, von vielen Einwohnern und voller Reichtümer. Man ging durch neun Thore in dieselbe hinein, und sie war rund umher mit Wasser beflossen. Sie hatte viele Tempel, in welche man über köstliche Brücken ging. Der vornehmste Tempel gehörte dem Götzen Redigast, welcher ganz von Gold war, und auf einem Lager von Purpur ruhte.

Diese Stadt ist zuletzt wegen ihres Uebermuthes und Heidenthums gänzlich zerstört. Das ist geschehenen noch lange bevor das Christentum nach Pommern kam. Auf welche Weise aber, das weiß man nicht. Sie ist so ganz zu Grunde gegangen, daß man nicht einmal die Gegend mehr angeben kann, wo sie gestanden hat. Doch glauben die Meisten, sie habe da herum gestanden, wo jetzt die Stadt Treptow am Tollensee liegt.

Offensichtlich diente bei dieser Volkssage die Chronik von Adam von Bremen als Vorlage. Oder vielleicht doch eher umgekehrt? Die Übereinstimmungen sind zumindest offenkundig. Die Zerstörung selber, so schreibt es Ernst Heinrich Wackenroder in seinem Geschichtswerk „Altes und Neues Rügen (…)“ aus dem Jahr 1730, geschah angeblich schon im Jahr 960. Nach langen und blutigen Kriegen in den Jahrzehnten zuvor, in denen zum Teil 200.000 Kämpfer auf Seite der „Ungläubigen“ angetreten sein sollen. Eine sicher weit übertriebene Zahl.

Diente Platons Atlantis als Vorlage?

Mit Wohlwollen könnte man die oben zierte Sage oder Überlieferung mit dem Atlantis des Platon in Verbindung bringen. Möglich, dass hier die Legende aus Griechenland vom atlantischen Kernheiligtum zumindest teilweise Inspiration für die Beschreibung von Rethra war.

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In Seinem Werk „Kritias“ beschreibt Platon das Aussehen von Atlantis. Die Tempel, Wasserwege, Ringe von Land und Wasser um das Zentrum, sein Kernheiligtum im Inneren usw. „Und errichteten bei den Brücken nach beiden Seiten hin Türme und Tore“, heiß es etwa in „Kritias“ 116a. Und im Zentrum „befand sich ein der Kleito und dem Poseidon geweihter Tempel, welcher nur von den Priestern betreten werden durfte und mit einer goldenen Mauer umgeben war“ (116c).

Das war das Allerheiligste der Atlanter für ihren Hauptgott Poseidon. Da ist die Lage mitten im Zentrum der Gesamtanlage gerade angemessen. Wie für die Bewohner Rethras ihr Hauptheilgtum im Zentrum der Stadt.

Ob das versunkene Rethra „nur“ eine Insel war, oder irgendwie Ähnlichkeit in Form eines Ringsystems wie Atlantis hatte, bleibt natürlich Spekulation. Eine heidnische (runde) Ringwallanlage mag zu solchen Ideen sicher gern verleiten. Auch hat Atlantis keine neun Tore gehabt, sondern nur zwei sowie zwei Brücken, wie Platon behauptet. Ringwallanlagen haben indes üblicherweise auch nur zwei Tore. Nicht neun, wie Rethra sie angeblich besaß.

Zwei Tore sind auch bei Weitem leichter zu verteidigen, als gleich neun.

Seltsame Bronzefiguren: Die „Prillwitzer Idole“

Der Mangel an Beweisen für die Lage von Rethra war und ist für die Suchenden ein Dorn im Auge. Da nützt es auch nicht, wenn man sich den Namen schützen lässt und damit quasi dessen Lage am Tollensesee „zementiert“. Ohne belegen zu können, dass die dort vorhanden Funde und Spuren wirklich von Rethra stammen.

Hier sollte man etwas mit „Beweisen“ nachhelfen, dachten sich im 18. Jahrhundert einige gewiefte Neubrandenburger vom Tollensesee. So erschienen 1768 bei der Familie Sponholz in Neubrandenburg, eine eingesessene Familie von Goldschmieden, „plötzlich“ Personen, die ausgesprochene seltsame Funde präsentierten. Es waren Figuren und zahlreiche andere Objekte aus Bronze, die überwiegend menschliche Gestalten zeigen. Augenscheinlich heidnische Götteridole in einer bis dato nie gesehenen Art.

Einige der Idole waren Menschen mit den Köpf eines Löwen. Andere erinnern an Meerungfrauen mit Flossen oder hatte mehre Köpfe. Wieder andere zeigten scheinbar Krieger mit Schwertern, ganz normale Personen, Tiere und bärtige „Priester“ mit „Strahlenkränzen“ um den Kopf oder sogar Körper. Nicht wenige hatte eine Ente auf dem Kopf sitzen. Über 60 dieser Bronzefiguren und Objekte kamen so nach und nach an die Öffentlichkeit. Einige messen rund 20 Zentimeter in der Höhe.

Im Titelbild ist eine Zeichnung eines der Objekte eingefügt.

Ihre Eigentümer gaben an, dass es Zufallsfunde waren, die ein Vorfahre der Familie Spongholz beim Baumpflanzungen machte. Fundort sei der Garten der Pfarrei Prillwitz gewesen. Ein Dorf direkt am Südufer der Lieps und heute Teil der Gemeinde Hohenzieritz. Unverkennbar ähneln die Figuren, bronzenen Scheiben oder „Münzen“ und mutmaßliche Schmuckstücke keiner Kultur in Norddeutschland. Oder überhaupt irgendwo auf der Welt. Sie sind, wenn überhaupt, ein Stilmix.

Ansturm auf die Fundstücke

Die Funde wurden zu einer Sensation und als „Prillwitzer Idole“ bekannt. Denn sehr viele der Objekte waren mit Runen beschriftet und immer wieder war dort „Rethra“ zu lesen. Die Gelehrten waren (teilweise) begeistert, da diese Funde beweisen, dass der gesuchte Ort genau da lag, wo er auch damals schon vermutet wurden. Im Gebiet Lieps und Tollensesee. So erschien bereits drei Jahre später über diese Funde das umfangreiche Werk „Die gottesdienstlichen Alterthümer der Obotriten, aus dem Tempel zu Rhetra am Tollenzer-See“ von Andreas Gottlieb Maschs.

Das Werk illustriere 1771 viele der Artefakte mit detailreichen Zeichnungen und Kupferstichen. Kein geringer als Prinz Carl von Mecklenburg Streliz hatte „befohlen, in übereinstimmiger Größe eine genaue Zeichnung davon zu verfertigen“, wie es der Herausgeber Daniel Woge einleitend schreibt. Immerhin wären die Funde in Zeitungen und anderen Magazinen den Altertumsinteressieren bereits bekannt gemacht worden. Mal am Rande, mal detaillierter. Zeit für ein Buch mit exakten Abbildungen, die „in aller nur möglichen Sorgfalt und Treue“ angefertigt wurden.

Was sicher niemand in Abrede stellen wird.

Weiter schreibt der Herausgeber Woge, dass, nachdem bekannt wurde, dass er solche Zeichnungen anfertige, die Interessierten ihm geradezu die Bude einrannten. Sie wollten Kopien seiner Zeichnungen – entweder gleich alle „oder nur einzelner Stücke“. Schnell merke er, dass er bei der Flut von Anfragen seine anderen Arbeiten „kein Genüge geschehen konte“. Er war ganz einfach überfordert. Heute ein Beleg, welches Echo diese Funde nach sich zogen.

Der Tempelberg von Rehtar

Ebenso schnell wurden aber Zweifel an den Artefakten laut. So schreibt der Herausgeber Woge weiter:

Und als vollends die Authenticität und ächte Beschaffenheit dieser sämtlichen Alterthumsstücke bezweifelt werden wolte, so entschlo0ß ich mich endlich, die für mich genommenen Copenen der gelehrten Welt in genauen Kupferstichen vor Augen zu legen (…).“

Die Kenner und Experten sollten so selber zu einen Urteil kommen. „Ohne sonderliche Kosten“ für die Anfertigung unzähliger Kopien für Einzelanfragen. Von einem Profi in Berlin seien die Kupferstiche deshalb „auf das genaueste gestochen“ worden. Die enormen Kosten für das Buch, den Verlag und Druck sowie den Vertrieb trägt er teilweise selber, unterstreicht er. Es könne folglich nicht seine Absicht sein, „große Reichthümer damit zu gewinnen“, da er nicht mal den vollen Preis für das Buch verlangen würde.

Er wolle keineswegs „an dem gelehrten Publikum (…) wuchern“, unterstreicht der Herausgeber, und er habe die „ungewisse Hoffnung“, dass der künftige Verkauf wenigstens etwas die Kosten deckt. Von den gedruckten Exemplaren wird deshalb „künftig keines unter 3 Thaler 12 Gr. in Golde“ verschickt werden.

Diese einleitenden Aussagen des Herausgebers Daniel Woge sind überaus interessant.

Er sah sich im Mai 1771, als er diese „Vorrede“ des Buches schrieb, bereits dazu veranlasst, darauf zu verweisen, dass das Werk enorme Kosten im Vorfeld verursachte. Er und der eigentliche Autor Masch haben keinesfalls im Sinn, irgendwen „abzuzocken.“ Interessanterweise „müssen“ sich bis heute Sachbuchautoren genauso rechtfertigen, da sie zum Teil enorme (Recherche-)Kosten für ihre Arbeit im Vorfeld haben …

Auch der Autor Masch selber betont: „Meine Absicht ist hiebey ohne Eigennutz“. Auf „dem Tempelberge der Stadt Rhetra“ stünde demnach heute das Wohnhaus von Landrat Asmus Wilhelm von Bredow. Da war er sich nach seinen Recherchen sicher, die zu dem immerhin rund 200 Seiten umfassenden Buch führten.

„Made in Rethra“

Die „Prillwitzer Idole“ tauchten zu dutzenden auf. Allein der Sammler August Friedrich Christian Hempel aus Neubrandenburg erwarb für seine Privatsammlung gleich 35 Exemplare. Die Herzöge von Mecklenburg Strelitz, von denen auch die Illustrationen bzw. Kupferstiche in Auftrag gegeben wurden, erwarben über 20 Objekte.

Gideon Sponholz aus der Neubrandenburger Goldschmiedefamilie nahm die Funde zum Anlass in seinem Ort ein Privatmuseum zu eröffnen. Er wurde so zu einem vermeintlichen „Experten“ für Altertümer und bekam vom Adel sogar die Genehmigung selber nach Schätzen zu graben. Im 18. Jahrhundert ein Privileg der Herzöge und eine beachtliche Ausnahme gegenüber Sponholz. Das einfache Volk durfte nicht mal im Wald jagen.

Auch damals staunten die Experten sehr schnell über die scheinbar willkürlichen Zusammensetzung von verschiedenen Stilelementen an den „Idolen“. Vergleichbares kannte man aus der Archäologie nicht. Der Vorwurf des Betruges stand damit schnell im Raum. Auch sollte man direkt stutzig werden, wenn Funde in so großer Stückzahl auftreten, von denen viele in Runen die Aufschrift „Rethra“ tragen. So, als wollten die Schöpfer klarstellen, woher die Objekte stammen: „Made in Rethra“. Missverständnis? Ausgeschlossen!

Jahrzehnte später war klar, dass die Idole von den Goldschmieden der Sponholz-Familie selber angefertigt wurden. Zumindest der Großteil der Objekte, womit diese Beweise wertlos sind. Auch wenn sie nach dem Zweiten Weltkrieg verschwanden und als Kriegsbeute als gestohlen galten. Erst Ende der 1980er Jahre fand man sie wieder und sie sind seitdem unter anderem im Volkskundemuseum Schwerin-Mueß verwahrt.

Eine Großherzogliche Untersuchungskommission brachte 1827 endlich Klarheit über die „Idole“. Verschiedene ehemalige Mitarbeiter der Familie Sponholz wurden verhört und ein früherer Goldschmied mit Namen Neumann gestand den Betrug. Gideon Sponholz selber war der Urheber des Schwindels und Jakob Sponholz war für Details der Ausarbeitung zuständig. Als unschuldig oder zumindest nicht direkt beteiligt erwies sich nur Jonathan Sponholz, da er damals auf Gesellenwanderung (Walz) war. Neumann selber wiederum fertige die Objekte nach Tonmodellen für die Brüder an.

Die Suche geht weiter

All jene, die gerne an die sensationelle Herkunft der Bronzen glauben wollten, waren enttäuscht. Den Autoren des Werkes „Die gottesdienstlichen Alterthümer der Obotriten (…)“ von 1771 kann man hier weniger einen Vorwurf machen. Sie fielen genauso auf den Betrug der Familie Sponholz herein, sofern sie nicht mit ihnen kooperierten. Was aber weniger wahrscheinlich ist.

Wahrscheinlicher ist es, dass sich die Sponholz-Familie ganz einfach selber an diesem Fake bereichern wollte. Und sie wollten ihre Heimat, ihren lokalen See, berühmt machen. Als Ort des mythischen Rethra und damit als einen wichtigen historischen Platz in der Geschichte Norddeutschlands.

Durchaus sehr menschlich, dass Personen genau ihre Heimat oder ihren Geburtsort historisch irgendwie „aufwerten“ wollen. Wo archäologische Fakten fehlen, hilft man mit fragwürdigen Funden nach. Und so ist plötzlich ein unscheinbarer Ort kulturell und geschichtlich wertvoll. Hier waren es archäologische Fälschungen, woanders erklärt man dafür natürliche Berge zu riesigen, uralten Pyramiden.

Der Suche nach dem wahren Rethra brachte das kein Stück weiter. Und sofern nicht im Bereich südlicher Tollensesee und Lieps eindeutige Belege für dieses „Atlantis“ gefunden werden, die zeigen, dass exakt hier der sagenhafte Ort lag, bleibt auch das Spekulation. Aufgrund der dort bereits gemachten Entdeckungen, ist das in Zukunft tatsächlich nicht ausgeschlossen. Wir werden sehen.

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Lars A. Fischinger

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vor 20 Jahren in Sachsen: Der Alien „Jimmy“, die UFO-Landung der Trigonier und „Außerirdische raus!“: Bizarres aus der UFO-Welt +++ Artikel +++

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Die UFO-Landung der Trigonier 1997 in Deutschland (Bild: gemeinfrei / Montage: L. A. Fischinger)
Die UFO-Landung der Trigonier 1997 in Deutschland (Bild: gemeinfrei / Montage: L. A. Fischinger)

In einem meiner Bücher ging ich im 2010 der Frage nach, ob die deutsche Regierung oder irgendwer in unserem Land eigentlich auf die Landung eines UFOs aus dem All in irgendeiner Art und Weise vorbereitet ist. Gibt es hierzulande Pläne oder Maßnahmen für ein solches spektakuläres Ereignis, das auch immer wieder Thema auf diesem Blog ist? Der Grund meiner Recherchen zu diesem Thema waren damals offizielle Anfragen verschiedener Abgeordneten an den Deutschen Bundestag genau zu diesen (und anderen) Fragen. Offiziell vorbereitet ist die Regierung nach eigenen Angaben allerdings nicht. Was aber geschehen kann wenn Privatpersonen mit Unterstützung der Medien behaupten, sie haben Kontakt mit Aliens und diese werden zu einer bestimmten Zeit landen, haben mein Kollege Roland M. Horn und ich bereits 1999 in einem gemeinsamen Buch geschildert. Es ging um den Fall einer 1997 angekündigten UFO-Landung in Sachsen, die quasi „aus dem Ruder lief“. Eine bizarre Geschichte, die an dieser Stelle noch einmal erzählt werden soll …

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Liebe Freundinnen und Freunde des Phantastischen!

Wie unterschiedlich Aussagen über die „Ankunft der Aliens“ seien können, zeigt ein Beispiel von 1997 aus Deutschland. Ein Beispiel, das auch wundervoll in meine YouTube-Video-Reihe „Grenzwissenschaft Classics Videos“ passt, die Ihr HIER findet.

Es war eine verrückte Geschichte, die wie kaum eine Zweite hier in Deutschland zeigt(e), dass Personen, die behaupten mit Aliens in Kontakt zu stehen, wirklich kaum jemand ernst nimmt. Doch gleichzeitig zeigt dieser UFO-Fall vor nun genau 20 Jahren auch deutlich, dass irgendwelche Behauptungen von UFO-Fans über die Ankunft der Aliens (die es immer und immer wieder gab und gibt!) nicht mit einem plötzlich „aus dem Nichts“ kommenden und realen Alien-Besuch zu vergleichen sind. Also die echte Ankunft von Außerirdischen, die plötzlich vor „unserem Planten stehen“.

Dabei ist es vollkommen belanglos wie groß die Wahrscheinlichkeit eines Besuches von intelligenten Außerirdischen auf der Erde ist: man kann diese nicht grundsätzlich ausschließen.

Was war also 1997 in Sachsen geschehen? Roland M. Horn und ich gingen der Sache 1998/1999 einmal nach.

Aliens und UFOs im Fernsehen der 1990er Jahre

In zahlreichen Talkshows waren sie in den 90gern zu Gast, um über die Botschaften eines Außerirdischen mit dem Namen „Jimmy“ zu berichten. Er gehört der Alien-Rasse der „Trigonier“ an und spracht damals nur durch das Esoterik-Paar Erika und Wolfgang Ressler. Unermüdlich sprach Erika Ressler im Deutschen TV als „Jimmy“, als Medium eines Aliens. Und doch: In den beliebten Talkshows, in denen die Resslers auftraten, hatten sie kein Geld gefordert – sie schienen selbst an ihre Story zu glauben.

"Grenzwissenschaft Classics Videos": die retro Mystery-Serie von Lars A. Fischinger
YouTube-Video-Reihe: „Grenzwissenschaft Classics Videos“: die retro Mystery-Serie von Lars A. Fischinger

Bis zu jenem Tag, als der angebliche Alien seine Landung mit einem UFO bei den Resslers in Sachsen ankündigte!

Schon Anfang 1995 wurde die Bulevardpresse auf das Ehepaar Ressler aufmerksam. „Forscher sicher: Bald landen UFOs im Tegeler Fließ“, berichtete beispielsweise die „Bild“ Berlin am 2 Januar 1995. Dort erfuhren wir, dass Wolfgang Ressler ein Jahr zuvor seine Heimat bei Detmold verlassen habe, um sich in Seifhennersdorf in Sachsen anzusiedeln. Aber nicht aus beruflichen oder ähnlichen Gründen:

Weil hier in Kürze erstmals UFOs landen! Bei einem telepathischen Kontakt 1993 haben sie’s mir verraten.“

In klaren Vollmondnächten stand Wolfgang Ressler auf dem Westhang des 43 Meter hohen Jockelberges. Er verwendete dabei 50 Meter lange Aluminiumstreifen, um so die Einflugschneise seiner erwarteten UFO-Raumschiffe zu markieren. „30 Jahre spüre ich schon Kraftfelder von Außerirdischen auf!“, sagte Ressler gegenüber der Berliner „Bild“. Ressler sei ferner sicher, dass Außerirdische seit 15 Millionen Jahren die Erde besuchen.

Neben Seifhennersdorf sollen auch Collmberg bei Oschatz und das Tegeler Fließ potentielle UFO-Landestellen sein. Der Bergsporn nahe Heftstett in Sachsen-Anhalt soll seiner Meinung nach sogar seit mindestens 8.000 Jahren von UFOs angeflogen werden. Und im Boifiner Wald bei Bützow in Mecklenburg-Vorpommern sollen fünf Steinringe die Landestelle eines UFOs aus dem Jahr 600 vor Christus markieren.

Wolfgang Ressler wusste auch Interessantes über die „wahre Entstehung“ des Riesenkraters „Nördlinger Ries“ (rund 25 Kilometer Durchmesser) in der fränkischen Alb zu berichten. Vor 14 Millionen Jahren haben Außerirdische ihn als Platz für eine ganze Raumflotte in die Erde gesprengt![i]

Heute weiß jedoch jeder Geologe: Hier schlug ein gigantischer Meteorit aus den Tiefen des Alls ein, was der bekannte Geologe Eugene M. Shoemaker – der Mitentdecker des sensationellen Kometen „Shoemaker-Levy 9“, der auf Jupiter 1994 einschlug – bereits in den 60ger Jahren nachweisen konnte.[ii]

Auffallend ist, dass in diesem ersten Zeitungsbericht ausschließlich von Wolfgang Ressler gesprochen wurde, während spätere Medienmeldungen immer angaben, seine Frau Erika sei das eigentliche Medium.

So trat etwa in der Talkshow „Vera am Mittag“ des Senders „SAT 1“ Erika Ressler als telepathische Kontaktperson auf. Die hypnotische Kontaktaufnahme zu dem in Oregon, USA, lebenden Trigonier mit Namen „Jimmy“ sei sicherer und billiger als ein Telefonat. So Erika Ressler.[iii]

Das UFO kommt – und die Polizei!

Dann kam die Stunde, zu der sich die Prophezeiung von der Ankunft der UFOs und Aliens erfüllen sollte: Die Nacht vom 12. auf den 13. April 1997. Die Bewohner des Planeten Trigon wollten nach dem angeblich durch Erika Ressler sprechenden Alien „Jimmy“ im Lausitzort Seifhennersdorf landen. Und ganz Deutschland wusste durch die medialen Auftritte der beiden darüber Bescheid!

Ravensburgerin von der Polizei aufgegriffen, da sie angeblich von Außerirdischen verfolgt wurde! (Bild: Wappen & historische Ansicht von Ravensburg/gemeinfrei / Bearbeitung: L. A. Fischinger)
Ravensburgerin von der Polizei aufgegriffen, da sie angeblich von Außerirdischen verfolgt wurde! (Bild: Wappen & historische Ansicht von Ravensburg/gemeinfrei / Bearbeitung: L. A. Fischinger)

400 Schaulustige warteten dort nun auf das versprochene UFO. Doch es kam einfach nicht und die Anwesenden wurden langsam unruhig. Es kam zu Gewalttätigkeiten. 15 Jugendliche machten sich sogar auf, um das Haus des Ehepaares Ressler zu stürmen. Sie warfen Fenster ein und brachen sogar die Tür auf. Es dauerte nicht lange, bis die Polizei eingreifen musste und auch der Bundesgrenzschutz gerufen wurde. Es kam so zu einem Großeinsatz der Ordnungskräfte wegen einer „UFO-Landung“, die aber freilich ausblieb …

Damit aber nicht genug:

Als alle noch auf das UFO warteten, liefen Verhandlungen zwischen den Resslers und Fernsehsendern: „RTL“ erhielt wie auch „PRO 7“ eine Absage und „SAT 1“ kaufte die Exklusivrechte für die kommende Landung der Außerirdischen. Der Sender erhielt den Zuschlag aufgrund seiner schnellen und unbürokratischen Reaktion.

Der zuständige Redakteur soll gleich einen Vertrag über eine Summe über fünf Millionen DM sowie einen Verrechnungsscheck über 1.000 DM dabei gehabt haben. Bedingung war allerdings, dass die Trigonier auch wirklich auf der Erde landen würden. Wären es also tatsächlich zur Landung der Außerirdischen gekommen, dann wären die Bilder des ersten Kontaktes zwischen Menschen und außerirdischen Besuchern selbstverständlich weit mehr wert gewesen. Was die TV-Sender natürlich wussten.

Die ungewöhnlich gute Zusammenarbeit zwischen „SAT 1“ und „RTL“ ließ damals jedoch durchaus darauf schließen, dass beide Sender nicht so richtig an die bevorstehende UFO-Landung glaubten. Sicher kann es ihnen auch niemand verübeln. Man half sich gegenseitig bei der Ausleuchtung des Grundstücks und „SAT 1“ pochte nicht wirklich auf die Exklusivrechte, die sie sich zuvor vertraglich gesichert hatten.

„RTL“ wiederum tat alles, um die dortige Stimmung unter den Schaulustigen anzuheizen. Man warf eine Nebelmaschine an und führte diverse Interviews in mystisch-esoterischer Atmosphäre. Auch junge Mädchen mit Plakaten, die die Aufschrift „Herzlich willkommen, Jimmy“ trugen, fielen in der Menge auf. Und die Menge skandierte fröhlich „UFO! UFO! UFO!“.

Kurz nach Mitternacht zogen 15 grün gekleidete Männchen mit Gasmasken vor Resslers Grundstück auf. Es war der lokale Karnevalsverein, der mit einem selbst gebastelten Blech-UFO anrückte. Unter den Schaulustigen herrschte eine regelrechte Volksfeststimmung – man machte einfach Party. Als das echte UFO jedoch ausblieb, konnten auch der Verein die Stimmung nicht mehr retten.

Das „Zeitprotokoll“ der Aliens

Wieso kamen die Außerirdischen eigentlich nicht? Was sagten die Resslers selber dazu, dass die Aliens nicht kamen? In der „Dresdner Morgenpost“ vom 14. April 1997 finden wir die Auskunft, die „Jimmy“ durch Frau Ressler in „Trance“ gab, als Protokoll abgedruckt. Darin heißt es als vermeintliche Erklärung oder außerirdische Entschuldigung:

13.07 – Okay – Anflug 0.00 Uhr

21.37 – Vorschau auf das bevorstehende Ereignis: Zigarrenförmiges, mehrere hundert Meter langes Mutterschiff (ca. 100 Trigonier an Bord) tritt in den Luftraum ein. Kleines rundes Boot (Durchmesser zwölf Meter) löst sich, parkt über Resslers Grundstück. Kraftfeldtreppe (gleißendes Licht) wird zu Resslers Terrasse aufgebaut. Luke öffnet sich, ein Trigonier steigt aus. Jimmys folgt in menschlicher Gestalt, für Interviews 60 Minuten Zeit.

22.38 – Anweisung an TV-Teams: ,Gegenlicht aufstellen, bessere Aufnahmen möglich.’

22.58 – ,Gehe soeben in Oregon/USA an Bord eines Shuttles’.

"So rasch wie der Wind": Eine UFO-Entführung vor Jahrhunderten in Irland? (Bild: gemeinfrei / Bearbeitung & Montage: L. A. Fischinger)
ARTIKEL: „So rasch wie der Wind“: Eine UFO-Entführung vor Jahrhunderten in Irland? (Bild: gemeinfrei / Bearbeitung & Montage: L. A. Fischinger)

23.01 – ,Bin im Anflug!’

23.06 – ,Ja, unsere Waffen sind euren weit überlegen. Wir haben kein Interesse, sie einzusetzen.’

23.18 – ,Viele Menschen auf dem Weg zu Euch.’

23.53 – ,Alles o.k., 40 Minuten.’

0.13 – ,Ich bin so aufgeregt, ein wichtiges Ereignis für Euch und unsere Geschichte.’

0.37 – ,Leiten Countdown ein. Etwa zehn Minuten.’

0.47 – ,Stellt bitte ein Glas Leitungswasser bereit.’

0.53 – ,Die Leute vorm Haus werden sich gleich beruhigen!’

0.57 – ,Fragt mich nicht nach Minuten. Für uns ist das eine schwierige Operation.’

0.59 – ,Wir stehen jetzt Südost.’

1.03 – ,Müssen stoppen. Zu viel negative Energie bei Euch!’

1.05 – ,Negative Energie!’

1.06 – ,Sorry, wir können das Volk da unten nicht beruhigen!’

1.09 – ,Sichert Euch selbst!’

1.23 – ,Wir drehen kurz ab.’

1.39 – ,Gleich wird sich das bei Euch beruhigen, wir warten.“

1.50 – ,Kann bis sechs dauern, es muss Ruhe herrschen.’

2.03 – ,Sorry, was bei Euch passiert ist. Es ist mir entglitten.’

2.59 – ,Wir warten noch!’

3.22 – ,Gut, das Polizei da ist. Sind aber bewaffnet. Wir prüfen.’

3.25 – ,Würden wir unsere Waffen einsetzen, wäre euer Garten ein riesiger Aschenbecher.’

3.37 Uhr – ,Heute nicht mehr berechenbar. Es sieht schlecht aus.’

ARTIKEL: Die UFO-Sekte “Ashtar Command” und die “Galaktische Föderation des Lichts”: Wie man an einen imaginären Alien-Gott glaubt (Bild: NASA/JPL / Montage/Bearbeitung: L. A. Fischinger)
ARTIKEL: Die UFO-Sekte “Ashtar Command” und die “Galaktische Föderation des Lichts”: Wie man an einen imaginären Alien-Gott glaubt (Bild: NASA/JPL / Montage/Bearbeitung: L. A. Fischinger)

3.53 – ,Zu viel negative Energie. Tut mir leid, es ist gelaufen.’

„Die Leute vorm Haus werden sich schon beruhigen“, meinte der nette Außerirdische alias Erika Ressler. Leider beruhigten sie sich nicht; im Gegenteil.

„Deutschland den Deutschen – Außerirdische raus!“

Bereits um 0.43 Uhr, als die Resslers von der Masse noch stürmisch gefeiert wurden, flog die erste leere Flasche, die von einem Skinhead geworfen wurde. Später eskalierte die Situation mehr und mehr: Noch harmlose Zurufe wie „UFO vor, noch ein Tor!“ werden von Parolen wie „Hängt die Lügenschweine!“ abgelöst. „Sieg Heil!“ tönte es zum Hitlergruß und mit den Worten „Reißt die Bude ein!“ warfen die offensichtlich alkoholisierten Rechtsradikalen drei Fensterscheiben der Resslers ein.

Die Scheinwerfer der Fernsehsender wurden nach und nach auf dieselbe Art „ausgeschossen“. „Deutschland den Deutschen – Außerirdische raus“, brüllten die Skinheads im Chor.

Als Erika Ressler schließlich die Polizei rief, wurde sie zunächst nicht ernst genommen. So musste Christian Görzel von „RTL“ die Polizei beschwören, hier doch einzugreifen. Als die Polizei um 1.30 Uhr endlich mit Blaulicht, Kampfausrüstung und 15 Beamten eintraf, war nur noch der harte Kern der 15 Randalierer anwesend, und so konnte es schnell zur Deeskalation kommen.

Der Dienst habende Leiter der Polizeidirektion Görlitz fuhr sogar persönlich zum Einsatzort, um Ermittlungen wegen Landfriedensbruchs einzuleiten. Nachdem die Geschichte von Polizei-Obermeister Eichner aufgenommen und mit einem schlichten „Na ja!“ kommentiert worden war, löste der Polizeidirektionsleiter Reinhard Herwig die Menge auf und bat die Presse, nach Hause zu gehen. Mittlerweile war es zehn Minuten vor vier Uhr morgens.

Resultat der ufologischen Aktion: 3.000 DM Sachschaden und 15 Ermittlungsverfahren (hauptsächlich wegen Landfriedensbruch).[iv]

„Trigon“, die Heimatwelt der Außerirdischen

Der Planet Trigon, von dem „Jimmy“ und sein Volk stammen sollen, hat laut Erika Ressler nur ein Zwölftel der Erdmasse, und soll sich in der „übernächsten Galaxie“ befinden. Innerhalb der nächsten 10 Jahre wird das Leben auf Trigon unmöglich sein, denn eine Klimakatastrophe bedroht „Jimmys“ Heimatplaneten. Da sich die Trigonier mit einem Vielfachen der Lichtgeschwindigkeit fortbewegten sollen, bräuchten sie für die Strecke Trigon – Erde lediglich fünf Jahre.

ARTIKEL: Dauerstreitthema Flüchtlingskrise: Aber bekommen eigentlich auch echte Aliens im Sinne von Außerirdischen bei uns Asyl? Interessante Spekulationen … (Bild: gemeinfrei / Montage: L. A. Fischinger)
ARTIKEL: Dauerstreitthema Flüchtlingskrise: Aber bekommen eigentlich auch echte Aliens im Sinne von Außerirdischen bei uns Asyl? Interessante Spekulationen … (Bild: gemeinfrei / Montage: L. A. Fischinger)

Außer den Trigoniern soll es derzeit vier weitere Alien-Zivilisationen geben, von denen zwei feindlich gesinnt und aggressiv seien. Die Trigonier suchen auf der Erde Asyl, weil die Erde ihrem Heimatplaneten klimatisch am ähnlichsten sei. 70 Trigonier leben nach Erika Ressler bereits getarnt auf der Erde, davon zwei in Deutschland. „Jimmy“ – ein Farmer aus Oregon, USA – sei dabei der Sprecher dieser intergalaktischen Agentengruppe. Er ist mit einer menschlichen Frau verheiratet und hat zwei Kinder. Allerdings musste er sie aus der Schule nehmen, weil sie zu klug waren und so seine Tarnung gefährdeten

Die Kommunikation unter den Trigoniern funktioniert natürlich telepathisch. Die Verwendung von Sprachen ist dort nicht nötig. Jeder kann mit jedem – auch über größere Entfernungen hinweg – Kontakt aufnehmen. Die Trigonier sind laut Resslers etwas kleiner als wir Menschen der Erde und haben einen größeren Kopf als wir. Es gibt auch dort zwei Geschlechter und die Lebenserwartung der Trigonier beträgt zwischen 150 und 180 Jahren. Wobei ich mich hier frage, wie es nach dieser Beschreibung mit dem Tarnen vor der Menschheit klappen soll.

Auf Trigon gibt es auch keinerlei Hierarchie. Entscheidungen werden durch das „Trigon-Network“ getroffen – es besteht aus den gesammelten Gedanken aller (nur!) fünf Millionen Bewohner des Planeten. Aufgrund der Klimakatastrophe ist die Bevölkerungsdichte dort stark rückläufig, so dass vermutlich nur noch drei Millionen von ihnen übrigbleiben werden, die dann auf der Erde Asyl beantragen.

Nach der Landung in Seifhennersdorf hätten die Trigonier ein Jahr lang die Reaktion der Menschheit beobachten wollen. Erst nach dieser Probe-Phase wäre ein Folgetreffen auf Regierungsebene von den Aliens eingeleitet worden. Ein von ihnen, also den kosmischen Asylanten, geplantes Forschungszentrum im Zittauer Gebirge hätte die Menschen dann in den geistigen Fähigkeiten der Trigonier geschult.

„Stinknormale Leute“ im UFO-Fieber

Die Resslers, die diese Geschichte intensiv verbreiten, bezeichnen sich selbst als „stinknormale Leute“.

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Erika Ressler war zum Zeitpunkt des Geschehens 42 Jahre alt, ihr Mann zwei Jahre älter. Bereits 17 Jahre vor der nicht eingetroffenen UFO-Landung begannen sich die beiden nach eigenen Aussagen mit den Fähigkeiten des Geistes, der Parapsychologie, Hypnose und Heilpraktiken zu beschäftigen. Sie hatten eine wachsende Fangemeinde, doch in ihrem kleinen Dorf in Sachsen galten sie schlicht und einfach als Spinner. Sie trösteten sich jedoch – insbesondere nach dem Fiasko jener denkwürdigen Nacht 1997 – damit, dass Galilei und Kopernikus auch auf Unverständnis gestoßen waren.

Der angebliche Kontakt zu „Jimmy“ bestand 1997 bereits seit fünf Jahren. Er war es, der ihre Geisteskräfte entdeckte, als sie sich medial ins „Trigon-Network“ einklinkten. Die Geistes-Fähigkeiten des Paares sollen denen der meisten Menschen überlegen sein, wonach sie quasi „auserwählt“ seien. Die UFO-Landung war für die Resslers damit die Hoffnung schlechthin:

Wenn Jimmy nicht kommt, können wir uns erschießen oder nach Arnsdorf in die Klapse begeben.

ARTIKEL: Es gibt viele Götter und Erich von Däniken ist ihr Prophet! Über die Absurdität von UFO-Sekten und den Vorwürfen gegen die Prä-Astronautik als „Ancient Aliens Sekte“ (Bild: L.A. Fischinger / gemeinfrei / NASA/JPL)
ARTIKEL: Die absurden UFO-Sekten und die Vorwürfe gegen die Prä-Astronautik als „Ancient Aliens Sekte“ (Bild: L.A. Fischinger / gemeinfrei / NASA/JPL)

So wurden die Resslers damals von der „Dresdner Morgenpost“ zitiert.

Tatsächlich erlitt Erika Resslers nach der missglückten Landung einen Nervenzusammenbruch. Ihr Mann meinte, die Trigonier würde jetzt vermutlich nach einem anderen Ort suchen, an dem sie von den Menschen friedfertiger empfangen würden. Die Redakteure der „Dresdner Morgenpost“ waren dabei der Meinung, dass die Geschichte der Trigonier schlicht unglaubhaft, aber auch nicht auszuschließen sei. Sie schrieben außerdem, dass die Angaben der Resslers von Wissenschaftlern weder bestätigt noch widerlegt werden konnten.[v]

UFO-Kindergarten

Das ist alles viel zu einfach bzw. man macht es sich hier viel zu einfach!

Natürlich ist es für die Wissenschaft schwierig mit äußerst laienhaften Angaben wie „übernächste Galaxie“ etwas anzufangen. So kann „die Wissenschaft“ natürlich auch überhaupt nichts widerlegen. Allerdings scheint es in meinen Augen sehr unglaubwürdig, dass ein mit Überlichtgeschwindigkeit Raumfahrt betreibendes, hoch intelligentes und mit sich mit Telepathie verständigendes Volk Ausdrücke wie „übernächste Galaxie“ verwendet. Zumal es eine übernächste Galaxie nicht gibt, da es immer auf den Standpunkt des Beobachters ankommt.

Wenn man sich die gesamte Geschichte ansieht, dann scheint es sich hier aber auch nicht um ein astrophysikalisches, sondern viel eher um ein psychologisches (vermutlich sogar psychiatrisches) und soziologisches Phänomen zu halten, das auch eine politische Komponente hatte.

Die Beobachtung der „Dresdner Morgenpost“, dass die Resslers „eine anwachsende Fan-Gemeinde“ hatte, deutet auch in diesem Fall auf die Entwicklung zu einer sektenartigen Gemeinschaft hin. Sollten die Resslers tatsächlich in Zukunft „Gläubige“ um sich scharen können? Hätte es so kommen können?

Eine Woche nach der Nacht, in der die Aliens laut dem Ehepaar hätten landen sollen, waren jene übrigens gegenüber dem „FOCUS“ schon wieder voller Hoffnung:

In drei Monaten kommen die wieder. Hundertprozentig! Wir haben Bescheid gekriegt.“[vi]

Aber auch diese Frist verstrich ereignislos und das UFO kam nicht. Und doch hatte das Ehepaar Ressler ihre Publicity und stand für einen kurzen Augenblick im Mittelpunkt des (lokalen) Geschehens. Die oben im Protokoll zitierten „Erklärungen“ und „Begründungen“ für den Rückzug von „Jimmy“ , die ja immerhin von den Außerirdischen stammen sollen, klingen wohl mehr nach einer einfachen Ausrede …

Das Ehepaar Ressler war der festen Überzeugung (zumindest behaupteten sie es), dass das UFO eben nur wegen der unglücklichen Situation am Tag der vermeintlichen Landung nicht kam. Er werden aber sicher kommen, waren sie rund 1,5 Jahre später noch überzeugt. Wohl im Frühjahr 1999, wie sie es in einem TV-Interview mit „RTL 2“ am 7. Oktober 1998 erzählten.[xi]

ARTIKEL: Die Sekte “Fiat Lux” und die kaum beachteten UFO- und Alien-Lehren der Führerin “Uriella” (Bild: YouTube-Screenshot/KEYSTONE Video / Montage: L. A. Fischinger)
ARTIKEL: Die Sekte “Fiat Lux” und die kaum beachteten UFO- und Alien-Lehren der Führerin “Uriella” (Bild: YouTube-Screenshot/KEYSTONE Video / Montage: L. A. Fischinger)

Doch wo die Aliens landen werden, schien schon damals eher in den Sternen zu stehen. Nach den Ereignissen am Haus der Resslers meldete die „Bild“ Hamburg im Juni 1997[xii] unter der Überschrift „Abkassiert und in Luft aufgelöst“, dass die Resslers ihren UFO-Heimathafen verlassen hätten. Obwohl die Resslers angebliche Heilseminare für bis zu 2.000 DM veranstalteten, hatten sie 10.000 DM Mietschulden und verschwanden, bevor der Gerichtsvollzieher kam. Grund waren sicher auch Drohbriefe gegen die selbsternannten UFO-Kenner, die nach dem 12./13. April 1997 bei dem Ehepaar eingingen …

Eigentlich auch verständlich …

Ergänzung 20. Okt. 2017: Auffällig finde ich rückblickend Folgendes: Mitte der 1990er Jahre waren nicht nur große Boom-Jahre für Themen wie UFOs, Aliens, Grenzwissenschaft usw., in denen geradezu Massen an solchen Geschichten, Berichten und Behauptungen aufkamen. Es war genau die Zeit, in der sich das Internet geradezu schlagartig verbreitete. Auch die Aliens der Resslers hatten ein Netzwerk, das sie „Trigon-Network“ nannten. Kaum jemand vor dem Internet hätte solch eine Formulierung benutzt.

Gleichfalls waren es Jahre, in denen zahlreiche Asylanten nach Deutschland kamen. Auch die Aliens um „Jimmy“ wollten Asyl. Es kam in jenen Jahren auch zu einer weitreichenden Ernüchterung nach der Wiedervereinigung und dem Zusammenbruch des Ostblock, der in weiten Teilen des Landes offenen Rechtsradikalismus inklusive Anschlägen nach sich zog. Vor allem auch in der ehemaligen DDR, wo unzählige Firmen durch die Gesellschaft „Treuhand“ (Treuhandanstalt) schlicht „abgewickelt“ wurden und so zahllose Menschen auf der Straße landeten. Die von Bundeskanzler Helmut Kohl versprochenen „blühenden Landschaften im Osten“ ließen auf sich warten.

Dieser zum Teil ganz offene Rechtsradikalismus erklärt, warum es 1997 bei den Resslers zu diesen Szenen mit „Neonazis“ gab.

In diesen Jahren waren auch Umweltthemen überall in den Medien. Vor allem auch dadurch, dass in der DDR Umwelt- und Klimaschutz eigentlich keine Rolle spielte, was nach der Wiedervereinigung jedem vor Augen geführt wurde. Ein ökologisches Problem, das laut den Resslers auch die Aliens auf ihrem gesamten Planeten haben oder hatten.

Damit spiegelt dieses UFO-Beispiel meiner Meinung nach auch sehr gut den damaligen Zeitgeist wider.

Ein Einzelfall? Nein!

ARTIKEL: Die Katastrophe der “Sonnentempler”-Sekte. Massenmord und Gruppensuizid um in eine neue Welt beim Stern Sirius zu reisen. (Bild: gemeinfrei / L. A. Fischinger/bearbeitet)
ARTIKEL: Die Katastrophe der “Sonnentempler”-Sekte. Massenmord und Gruppensuizid um in eine neue Welt beim Stern Sirius zu reisen. (Bild: gemeinfrei / L. A. Fischinger/bearbeitet)

Die Ereignisse von 1997 in Sachsen sind kein Einzelfall in der Welt der UFOs. Mitnichten, denn dieser UFO-Fall, wenn man überhaupt so nennen kann, reiht sich nahtlos in eine schier endlose Liste bizarrer UFO-Geschichten nein. Ein Beispiel aus meinem Archiv solle das veranschaulichen.

Paul Kuhn – ein selbst ernannter Prophet aus der Schweiz – sagte einst einen Weltuntergang inl. dem Kommen von Aliens für den Muttertag 1988 voraus. Ganz ähnlich, wie zahllose UFO-Freunde der Geschichte auch immer wieder einen solchen Untergang prophezeien.

Kuhn sprach von einem festen Termin der kommenden UFO-Landung, wie es die Resslers auch 1997 taten. UFO-Mutterschiffe hätten nach den Aussagen von Kuhn damals in dem schweizer Dorf Dozwil, Thurgau, landen und die Kinder der Sekte an einen „wunderschönen Ort“ evakuieren sollen.[vii]

Aber schon 30 Jahre vor 1988 hatte der „ehemalige Gärtner und Gemüsehändler, Hypnotiseur, Telepath und Magier“ seine „St. Michaels-Vereinigung“ gegründet. Seine Eingebungen will er durch ein zwischenzeitlich verstorbenes Medium erhalten haben. Später verwendete er eine Sekundärschülerin als Medium. Paul Kuhn hielt sich für einen „vom Himmel geweihten Priester“ und seine Fan-Gemeinde bestand immerhin aus rund 3.000 Anhängern in der Schweiz und in Süddeutschland. Als Zweck der Bewegung wurde „Vereinigung, Versöhnung und Toleranz auf ökumenischer Basis“ angegeben. Seine Aufgabe sah Kuhn darin „vor kommenden Ereignissen zu warnen“ … und seine aufsehenerregendste Prophezeiung war eben jene, dass am Muttertag alle Kinder von UFOs abgeholt würden.

Rund ein Drittel der Dozwiler galten als Anhänger Paul Kuhns, und die übrigen Einwohner hatten sich entweder arrangiert oder sogar Gegentreffen abgehalten.

Die offiziellen Geistlichen des Ortes störten sich verständlicherweise an der Panikmache, die von Kuhns UFO- und Endzeit-Prophezeiung ausging. So etwa sagte  er für den Sommer 1988 kriegerische Auseinandersetzungen voraus, die von Russland, China und den anderen Ostblockstaaten ausgehen würden. Nur ein elitärer Kreis von Menschen würde dabei gerettet werden. Über die Kinder hatte Kuhn gesagt:

Diese reinen und unschuldigen Geschöpfe Gottes werden nicht den Heuschrecken und den Skorpionen ausgesetzt werden, die euch quälen werden, fünf Monate lang. Die Auserwählten unter euch, die mit den Kindern geholt werden, werden mit unseren Helfern für sie sorgen.“

Die Kinder erzählten in der Schule begeistert, dass ihnen nichts geschehen würde, und der örtliche Pfarrer befürchtete, sie könnten Paul Kuhn – der angeblich eine „wahnsinnige Macht“ und große „magische Kraft“ habe – mittlerweile hörig sein. Möglicherweise sei er dazu fähig, eine Massenhysterie zu erzeugen, die zu Todesopfern führen könnte. Und tatsächlich waren nicht alle Kinder entzückt über Kuhns Botschaft. Ein Mädchen soll sogar beim Lesen der Botschaften des Gurus in einen schüttelfrostähnlichen Zustand verfallen sein …

Die UFO-Sekte “Rael-Bewegung” will die Bundesregierung um Land für ein Botschaftsgelände für Außerirdische bitten  (Bild: WikiCommons/gemeinfrei / L.A. Fischinger / RealPress)

Vorsorglich wies Guru Kuhn allerdings darauf hin, dass er keine Drohungen, sondern Botschaften – die übrigens an alle schweizer Pfarrer gingen – verschickt habe. Und Warnungen seinen ja auch schon von den biblischen Aposteln ausgesprochen worden, verteidigte er sich. Es ginge ihm nicht um Leid, sondern um die „Hoffnung, die Reinigung und die Erlösung“. Derartige Erklärungen lies Paul Kuhn grundsätzlich über seinen Rechtsanwalt verbreiten, was eigentlich schon erstaunlich ist.

Vom Weltuntergang habe er auch nie gesprochen, betonte der ehemalige Gemüsehändler. Der Esoterik-UFOloge verwies darauf, dass der Papst schließlich auch einst selber zu den Gläubigen der Kirche gesagt habe, der Mensch müsse sich auf große „Prüfungen“ gefasst machen, und er betonte ausdrücklich:

Nach Gottes Plan sollen alle Kinder gerettet werden, auch die hoffnungslosen.„[viii]

Quasi ein Rattenfänger nach den Plan des Herren also. Nach Polizeiangaben kam es am Samstag vor dem entscheiden Tag, am 7. Mai 1988, zu Ausschreitungen gegenüber Angehörigen der seltsamen „St. Michaels-Vereinigung“. Sogar Sachbeschädigungen wurden gemeldet.

Am gleichen Tag verbreitete die Sekte ein Kommuniqué, in dem es hieß, dass niemals ein bestimmter Tag für das prophezeite Ereignis genannt worden sei. Vielmehr sei der 8. Mai als „ein internes Datum“ zu betrachten, an dem Paul Kuhn „mit dem Verschwinden der Kinder rechne“. (Ein alter Trick, der bereits von den Zeugen Jehovas mit Erfolg angewendet worden war. Zunächst macht man durch die Nennung eines Datums auf sich aufmerksam, und wenn sich das Datum nähert, weist man so langsam darauf hin, dass man ja nie ein konkretes Datum genannt habe. Diesbezügliche Aussagen werden relativiert. UFO-Sekten wie die UFO-Gruppe „Fiat Lux“ und auch viele andere mehr reihen sich hier nahtlos ein.)

„Wie kann das Volk so dumm sein?“

Am darauf folgenden Sonntag reisten hunderte von Ausflüglern aus der gesamten Schweiz nach Dozwil. Die Besucher warteten auf das angekündigte Raumschiff von den Sternen, das die Kinder in ein UFO-Mutterschiff im Erdorbit bringen sollte. Vor dort aus wären sie dann an den „wunderschönen Ort“ gelangt, an dem diese Kinder auf ihre nachkommenden Eltern warten würden.

Für die Dozwiler Kinder war damit klar: Nach dem 8. Mai würden sie nicht mehr zur Schule gehen und so war bis zum Sonntagmittag der Ort Dozwil von Menschen überlaufen. Die Feuerwehr hatte die Straße zu dem einer Sporthalle ähnelnden Tempel der Gruppe mit einem Gitter abgesperrt, und ein Feuerwehrmann trug dafür Sorge, dass nur Fußgänger passieren konnten. Und diese versammelten sich auch recht zahlreich um den Tempel. An der Hauptstraße wurden Bratwürste verkauft und die Dorfstraßen waren komplett zugeparkt. Es herrschte auch hier eine Jahrmarktsatmosphäre. Alles wartete auf die Ankunft der Außerirdischen.

Grenzwissenschaft Classics Folge #16: UFO-Landeplätze in Österreich und die Evakuierung der Menschheit +++YouTube-Video+++
Grenzwissenschaft Classics Videos, Folge #17: UFO-Landeplätze in Österreich und die Evakuierung der Menschheit

Am Abend kam es dann allerdings zu ungewollten Ausschreitungen rund um die Gemeinschaft des Kuhn. Angetrunkene Jugendliche warfen beispielsweise mit Flaschen nach den Sektenanhängern – ähnlich wie es die Resslers knapp zehn Jahre später zu spüren bekamen. Das Sektenanwesen wurde verwüstet und Autos der St. Michaelaner zum Teil schwer beschädigt. Vier Sektengegner wurden festgenommen, wodurch eine Eskalation der Ereignisse verhindert werden sollte und wohl auch  konnte. Die Sektenanhänger hätten sich laut Polizeiangaben dennoch ruhig verhalten und lediglich mit Menschenketten und Autos den Zugang zum Tempelareal verbarrikadiert.[ix]

Nach diesem denkwürdigen Wochenende – die Raumschiffe waren natürlich nicht erschienen – entspannte sich die Lage in Dozwil wieder. Die Festgenommenen wurden auf freien Fuß gesetzt und der UFO-Prophet Paul Kuhn hielt keine weiteren Messen mehr ab. Er befürchtete weitere Ausschreitungen. Der Dodzwiler Gemeindeamtmann Alfred Bauman erklärte gegenüber der „Basler Zeitung“ vom 10. Mai 1988:

Ich habe bei weitem nicht damit gerechnet, dass es so weit kommen würde und dass das Volk so dumm sein kann.“[x]

Wie wir wissen, war diese Geschichte jedoch nicht die einzige ihrer Art. Alfred Baumann kann folglich beruhigt sein. Nicht nur die Schweizer waren damals so dumm. Auch in Deutschland, den USA und in vielen anderen Ländern der Welt spielten und spielen sich wiederholt ähnliche Geschichten ab. Leider …

Euer Jäger des Phantastischen

Lars A. Fischinger

(Geschäfts-E-Mail: FischingerOnline@gmail.com)

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Fußnoten


[i] CENAP-Report Nr. 224, S. 43
[ii] von Rétyi 1997, S. 127ff.
iii CENAP-Report Nr. 242, S. 28
[iv] Skeptiker, Nr.10/1997, S, 144
[v] Dresdner Morgenpost, 14. April 1997, S. 1, 22 u. 23
[vi] Focus vom 21.April 1997
[vii] Magin 1991, S. 78
[viii] Basler Zeitung vom 7. Mai 1988
[ix] Basler Zeitung vom 9. Mai 1988
[x] Basler Zeitung vom 10. Mai 1988
[xi] Von Aliens entführt? – Der ganz normale UFO-Wahnsinn, RTL2, 7. Oktober 1998
[xii] 23. Juni 1997

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