Nahuelito, das Monster im Nahuel Huapi-See in Patagonien: In Argentinien lebt angeblich ein Cousin von Nessie – und feiert 2022 sein 100jähriges

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Nahuelito: Nessies Cousin in Argentinien (Bilder: gemeinfrei / Montage: Fischinger-Online)
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Nahuelito: Hat Nessie einen Cousin in Argentinien? (Bilder: gemeinfrei / Montage: Fischinger-Online)

Im Loch Ness in Schottland lebt angeblich das Ungeheuer Nessie. Ein weltberühmtes Monster, ein Wirtschaftsfaktor und ein legendären Mythos. Doch solche Seeungeheuer soll es auch in anderen Gewässern der Erde geben. Und eines davon ist das Biest Nahuelito in dem See Nahuel Huapi in Argentinien. Dort in Patagonien lebe es ebenso unentdeckt wie Nessie in Schottland. Doch Nahuelito kennt fast niemand, obwohl es genau wie Nessie aussehen soll. Da das Seeungeheuer 2022 seinen 100. Presse-Geburtstag feiert, soll an dieser Stelle einmal auf die Jagd nach Nessies Cousin gegangen werden.


Nahuelito, Nessie von Argentinien

„Nahuelito“, so heißt ein Seemonster, das in Argentinien zu hause sein soll. Angeblich handelt es sich hierbei um einen Cousin von Nessie aus dem See Loch Ness in Schottland. Denn Zeugen wollen genau eine solche Kreatur in dem See Nahuel Huapi im nördlichen Patagonien immer wieder gesehen haben. Ein einsames Gewässer im Westen von Argentinien unweit der Grenze zu Chile.

Und diese Kreatur ist längst zu einem lokalen Mythos geworden, von der Einheimische gerne verirrten Touristen erzählen. So beispielsweise der deutschen Weltreisenden Alexandra Frank, die mit ihrem Mann, Kleinkind und sogar ihrem Baby fünf Monate mit dem Rucksack die Welt bereiste. Dabei führte sie ihr Weg auch durch Patagonien beziehungsweise Südamerika, wo ihnen zwei Frauen von Nahuelito erzählten. „Die Indios sagen, dass es Nahuelito heiße“, zitiert Frank sie in ihrem Buch „Vier um die Welt„. Es sei „ein schwanenhalsiges Seeungeheuer mit krokodilähnlichem Leib“. Und damit wohl „eine lateinamerikanische Variante von Nessie“, so Frank.

Tatsächlich soll das „Monster von Loch Ness“ längst nicht allein auf diesem Planeten sein. In verschiedenen Seen rund um die Welt leben angeblich derartige Kreaturen. Doch keine davon hat auch nur annähend die Bekanntheit von Nessie in Schottland erlangt. Im Gegenteil: Die meisten dieser Seeungeheuer sind fast völlig unbekannt. Lediglich Kryptozoologen kennen diese und die entsprechenden Berichte und Aussagen über die jeweiligen Tiere.

Eine Stelldichein der Plesiosaurier

Bei Nahuelito in Argentinien in Südamerika ist es nicht anders. Und das, obwohl mindestens drei Tatsachen alle diese unbekannten Kreaturen in den diversen Seen gemeinsam haben:

  1. Ihre Beschreibungen ähneln sich – sie folgen fast schon dem „klassischen Vorbild“ von Nessie
  2. Keines dieser Ungeheuer wurde jemals eindeutig belegt und nachgewiesen
  3. Fast immer werden sie mit einem Plesiosaurus in Verbindung gebracht

Vor allem der Umstand, dass solche Lebewesen gerne für Plesiosaurier gehalten werden, macht das Thema „Seemonster“ für die etablierte Forschung wenig attraktiv. Denn diese Wassertiere sollen vor rund 66 Millionen Jahren vollständig ausgestorben sein. Zusammen mit den weltweiten Dinosauriern und vieler anderer Tierarten. Wie können dann solche Tiere in diversen Seen noch heute existieren, fragen Biologen zu recht.

Bei solchen Spekulationen darf man auch nicht vergessen, dass diese Urzeit-Tiere im Salzwasser lebten. Seeungeheuer wie Nessie leben aber bekanntlich in Seen, die Süßwasser enthalten. Hinzu kommt, dass es von diesen Kreaturen ganze Publikationen in solchen Seen geben muss. Die genetische Vielfalt ist beispielsweise überlebensnotwendig und kann wohl kaum durch eine handvoll Tiere in einem kleinen See gewährleistet werden.

Meist wird auch vergessen, dass jene Seen, in denen entsprechende Monster leben sollen – eben wie vor allem Loch Ness – erst zum Ende der letzten Eiszeit entstanden. Es sind damit sehr junge Gewässer, die vielleicht erst 10.000 oder 15.000 Jahre existieren. Wo waren die Monster davor? In den Ozeanen, von wo sie zum Ende der Eiszeit und dem Abschmelzen der Eisschichten in solchen Seen „eingeschlossen“ wurden?

1922: Ein Brief an den Zoo-Direktor

Nichtsdestotrotz soll Nahuelito im bis zu 460 Meter tiefen Nahuel Huapi-See leben. Ein malerischer See von rund 530 Quadratkilometern Größe, deren lokales Monster bisher nicht touristisch vermarktet wird. Anders wie Nessie in Schottland, wo die Kreatur am Loch Ness längst ein Wirtschaftsfaktor ist.

Und irgendwie scheint man sich nicht einmal einig zu sein, wie groß Nahuelito genau sein soll. Die Beschreibungen reichen von 5 oder 6 Metern Länge bis sage und schreibe 45 Metern. Und wie bei Nessie kursieren hier die unterschiedlichsten Bilder und Videos, die das Tier im See zeigen sollen.

So hat betreibt beispielsweise Austin Whittall aus Argentinien einen Blog namens „Patagonian Monsters“, auf dem er unter anderem immer wieder über Nahuelito berichtet. Über aktuelle Sichtungen und Bilder ebenso, wie über verschiedene Spekulationen zu diesem Biest. Besonders Augenmerk richtet Whittall hierbei auch auf die historische Entwicklung des Mythos um dieses Seemonster. Vor allem auch durch die Diskussion entsprechender Zeitungsberichte von vor rund 100 Jahren.

Denn Nahuelito ist ein relativ junger Mythos eines Seemonsters, der in diesem Jahr genau 100 Jahre alt wird. Erst ab 1922 wurde das unentdeckte Lebewesen weithin bekannt. Auslöser war unter anderem ein Martin Sheffield, der Clement Onelli, damals Direkter des Zoos von Buernos Aires, über dieses Seemonster informierte. Und bei Onelli traf er damit auf offene Ohren, da dieser seit 1897 immer wieder ein einem rätselhaften Tier in einem See (und anderswo) hörte.

Sheffield stammte aus den USA und lebte in Patagonien als Goldsucher und Jäger in der Wildnis. Und offenbar hat er selber dieses Tier gesehen, was ihn so beeindruckte, dass er am 19. Januar 1922 einen entsprechen Brief an Onelli schickte.

„Ein riesiges Tier“

„Ich bitte Sie, Ihre Aufmerksamkeit auf das folgende Phänomen zu lenken, das sicherlich Ihr lebhaftes Interesse wecken wird“, schrieb Sheffield damals. „Ein bisher unbekanntes Tier“ habe er entdeckt und wollen „nun über diese Tatsache berichten“, wie er Onelli mitteilte. Und weiter schrieb der Glücksritter vor 100 Jahren:

Vor einigen Nächten konnte ich die Spur im Gras in der Nähe der Lagune, wo ich meinen Jagdposten eingerichtet habe, aufzeichnen, die Spur ähnelt einem sehr schweren Pfotenabdruck. Das Gras ist plattgedrückt und richtet sich nicht mehr auf, was mich vermuten lässt, dass das Tier, das dorthin gekrochen ist, von enormem Gewicht sein muss.

 In der Mitte der Lagune konnte ich ein riesiges Tier mit einem schwanenähnlichen Kopf und einer riesigen Gestalt sehen, und die Bewegung des Wassers ließ mich vermuten, dass es der Körper eines Krokodils war.

Onelli tat diesen Brief offensichtlich nicht als Phantasterei irgendeines Verrückten ab. Und so wurde eine Suchexpedition nach diesem gewaltigen, unbekannten und seltsamen Tier ausgeschickt. Gefunden wurde es nicht. Woran sich bis heute nicht viel änderte, auch wenn mehr oder weniger gute Fotos des Tieres immer wieder auftauchen. Selbst verschiedene TV-Sender in Argentinien berichten immer mal wieder von aktuellen Meldungen und Sichtungen des Tieres und zeigen die entsprechenden Aufnahmen.

Erst am 3. Juni 2022 berichtetet der Sender „América TV“ beispielsweise von einer erneuten Nahuelito-Sichtung im See. Wie bei den unzähligen Fotos und Videos von Loch Ness erkennt man aber auch hier fast nichts. Unscharfe Wellen auf dem See, mehr nicht. Doch schon die Expedition von 1922 erregte mediales Interesse. So etwa berichtete die „The New York Times“ am 16. März 1922 von Onellis Expedition nach dem „Anden Plesiosaurus“, wie die „Times“ titelte.

„Nach ein paar Minuten war das Monster verschwunden“

Keine drei Monate, nachdem Sheffield seine Sichtung in einem Brief an Onelli schilderte, machte das Monster bereits im weit entfernten Kanada Schlagzeilen. Am 6. April 1922 erschien dort in der Zeitung „Toronto Globe“ ein Zeugenbericht eines George Garrett. Unter dem Titel „Ein Einheimischer behauptet, einen riesigen Plesiosaurier gesehen zu haben“ zitierte damals die Zeitung Garrett mit den Worten:

Ein Objekt, das einen Durchmesser von 4,5 bis 6 Meter (15 oder 20 Fuß) zu haben schien und sich vielleicht 1,8 Meter (6 Fuß) über dem Wasser befand. Nach ein paar Minuten war das Monster verschwunden. Als ich meinen Nachbarn von meinen Erlebnissen erzählte, sagten sie, dass die Indianer oft von riesigen Wassertieren sprachen, die sie von Zeit zu Zeit gesehen hätten„.

Angeblich war diese unheimliche Begegnung zum Zeitpunkt der Veröffentlichung schon 12 Jahre her. Denn Garrett habe das Wesen bereits im Jahr 1910 gesehen, wie er behauptete. Oder wurde er vielleicht sogar (unter Vorbehalt!) von dem „Times“-Artikel vom 16. März 1922 zu seiner Geschichte „inspiriert“? Denn auch am 8. und 11. März 1922 erschienen bereits in der „Times“ ebenso entsprechende Artikel. Über eine Expedition „um lebende Plesiosaurus“ zu fangen, wie es am 8. März dort zu lesen war. Gemeint war damit die Suche von Onelli in Argentinien.

Wenn laut Garrett in „Toronto Globe“ schon 1910 beziehungsweise 1922 „die Indianer oft von riesigen Wassertieren sprachen“, scheinen Sichtungen von Nahuelito weit in die Vergangenheit zu reichen. Zumindest erweckt diese Aussagen einen solchen Eindruck. Immerhin ist es kein Geheimnis, dass Eingeborene oder Einheimische rund um die Welt den westlichen Entdeckern immer wieder von verschiedenen Tieren berichteten, die ihnen bekannt waren. Erst später fanden dann westliche Forscher tatsächlich diese bisher unbekannten Tiere.

Nahuelito 2022: 100 Jahre argentinische Nessie

Es ist aber offen, ob schon in vergangenen Jahrhunderten im Nahuel Huapi-See irgendwann ein unbekanntes Monster gesehen wurde. Von Ureinwohnern oder etwa von den spanischen Eroberern. Darauf verweist auch Austin Whittall auf seinem Blog.

In einem Beitrag vom 30. September 2009 schrieb er bereits über mutmaßliche Sichtungen der Vergangenheit:

In vielen Büchern und Artikeln wird behauptet, dass die Legende von Nahuelito auf die Zeit vor der Ankunft der Spanier (vor 1540) zurückgeht. Diese Konquistadoren hörten dann von den Eingeborenen am Nahuel Huapi-See davon und schrieben es in ihre Chroniken.

Dies ist falsch. Vor dem frühen 20. Jahrhundert findet sich kein einziger Hinweis auf das Tier in gedruckter Form. Keiner der Chronisten der Kolonialzeit oder der Priester (Laguna, Guglielmo, Mascardi und Menendez), die in den späten 1600er und frühen 1700er Jahren Missionen rund um den See gründeten, erwähnt es. Auch die ersten Entdecker (Moreno, Fonck, Steffen und Cox), die tatsächlich über den See ruderten und seine Buchten, Fjorde und Inseln erkundeten, erwähnten ihn nicht.

Es ist aufschlussreich, dass Onelli während der Plesiosaurier-Welle mehrere angebliche Sichtungen seltsamer Kreaturen in Patagonien erwähnte, aber keine einzige vor den 1880er Jahren datiert wurde; und am Nahuel Huapi-See wurde keine einzige aufgezeichnet.

Das ist eine eindeutige Aussage von Whittall. Es wären seiner Meinung nach „sensationslüsterne Artikel“, die solche Behauptungen verbreiten würden. Ob es deshalb wirklich keine Berichte „vor den 1880er Jahren“ gibt, sei dahingestellt. Vielleicht kennen wir diese nur noch nicht. Denn offenbar hat Mystery-Jäger Whittall die Aufzeichnungen von zahlreichen Entdeckern, Geistlichen und Chronisten genau danach durchsucht. Und fand nichts.

Somit kann – zumindest vorerst – 2022 mit gutem Gewissen als 100jähriges Jubiläum der argentinischen Nessie gefeiert werden. Sofern nicht eine absurde Spekulation in der „New York Post“ vom 17. Februar 1960 zutrifft: Angeblich sei Nessie aus Loch Ness abgehauen und bis nach Patagonien in den Nahuel Huapi-See geschwommen …

Euer Jäger des Phantastischen

Lars A. Fischinger

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