Die Sekte "Zwölf Stämme" und RTL: Was glauben Bibelfundamentalisten und was geschah nach den RTL-Enthüllungen? - Grenzwissenschaft & Mystery Files

Die Sekte “Zwölf Stämme” und RTL: Was glauben Bibelfundamentalisten und was geschah nach den RTL-Enthüllungen?

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Der Glaube der Bibel-Fundamentalisten der "12 Stämme" (Bild: gemeinfrei / Montage: L. A. Fischinger)
Der Glaube der Bibelfundamentalisten und der Sekte “12 Stämme”. Die Bibel beim Wort genommen, RTL-Enthüllungen, Hintergründe, Gerichtsprozesse: Was wurde nach dem Skandal um Kindesmisshandlungen und wie sehen Fundamentalisten mit der Bibel in der Hand die Welt? (Bild: gemeinfrei / Montage: L. A. Fischinger)

Derzeit berichten die Medien über die in den USA gegründete christlich-fundamentale Bibel-Sekte der “Zwölf Stämme”. Jüngst hat auch der TV-Sender RTL einen ihrer Journalisten in diese biblische Gemeinschaft hier in Deutschland eingeschleust. Dabei konnte der Sender  dokumentieren, dass innerhalb der “verschworenen Gemeinschaft” dieser christlichen Fundamentalisten offenbar Prügel & Co. gegen die (eigenen) Kinder als “normal” angesehen wurden und werden. Ich habe bereits einmal über diese “mittelalterliche Bibel-Sekte” berichtet, so dass an dieser Stelle ein paar genaue Hintergründe folgen sollen. Denn: An was glauben diese “Zwölf Stämme” eigentlich genau?

 

Von Lars A. Fischinger

(Artikel vom 10. September 2013 / Update: 14. Oktober 2016)

Liebe Freundinnen und Freunde des Phantastischen!

Die Aufregung, die RTL durch ihre Berichte über die Sekte der “12 Stämme” hier in Deutschland im Herbst 2013 auslöste, war verständlicherweise sehr groß! Bibel gläubige Menschen, vereint in einer Art gemeinsamen Interessengruppe des Glaubens – einer Sekte -, die hier mitten in Europa überaus fragwürdige Erziehungsmethoden haben? Das schockte viele TV-Zuschauer, nachdem RTL einen ihrer Reporter verdeckt bei diesen Fundamentalisten “ermitteln” ließ. Der TV-Sender ist für diese Art von Recherchen und Berichten auch kein unbeschriebenes Blatt.

Aber: Solche vollkommen abzulehnenden Prügel-„Strafen“ gegen wehrlose Kinder sind in vielen Sekten schlicht und einfach vollkommen normal. Die “12 Stämme” sind hierbei keine Ausnahme. Physische und psychische Gewalt gehört leider in vielen „neureligiösen Gruppen“ dazu. Selbst, wie in diesem Fall, sich diese Gruppe explizit als christlich bezeichnen und das Neue Testament als “Wort Gottes” ansehen.

Ich habe bereits Ende 2004 auf die fundamentale Bibel-Sekte der „Zwölf Stämme“ (nach den 12 Stämmen Israels des Alten Testament) in einem Online-Artikel hingewiesen. Damals ging es jedoch nicht um die schrecklichen Misshandlungen der Kinder, sondern um die Weltanschauung der Sekte an sich. Denn bereits damals bekam es die Sekte mit dem Gesetz zu tun, da deren Mitglieder sich standhaft weigerten, ihre Kinder in „normale Schulen“ zu schicken. Sogar Erzwingungshaft gegen die Väter wurde damals erlassen.

Eben dieses Thema klang bei RTL auch damals (und auch immer mal wieder bei anderen Gruppen, Religionen usw.) in den Medien-Berichten heraus: Öffentliche Schulen? – Nein, danke!

Aber warum eigentlich genau?

Ein Problem der Kreationisten? Jerusalem ist älter als die Schöpfung des Universums (Bild: WikiCommons/gemeinfrei / NASA / Montage: L. A. Fischinger)
Ein Problem der Kreationisten: Jerusalem ist älter als die Schöpfung des Universums (Bild: WikiCommons/gemeinfrei / NASA / Montage: L. A. Fischinger)

An anderer Stelle bin ich bereits sehr umfangreich auf jene Weltanschauungen eingegangen, die auch die “Zwölf Stämme” teilen. Zumindest offensichtlich in weiten Bereichen. Solche Bibelfundamentalisten nennt man „Kreationisten“, die ein ganz anderes Weltbild haben, als es die Allgemeinheit in der Schule gelehrt bekommt. Meistens zumindest …

Zum Beispiel die „Arche Noah“, ein Thema das eigentlich jeder zumindest im Groben kennt. Laut dem 1. Buch Mose war es ein Holzschiff, mit dem die Menschheit unter Führung von Noah die Sintflut überlebte. Die Arche und ihre Passagiere sollen 40 bis 150 Tage lang über das Wasser der Flut geschifft sein, bis sie anlandeten. Die Story ist hinlänglich bekannt.

Ist es ein frommes Märchen oder doch ein geschichtlicher Tatsachenbericht? Kann man die ganze Bibel wörtlich nehmen?

Das fragte beispielsweise auch der Fernsehsender ABC aus den USA in einer Umfrage am 15. Februar 2004. Einige Monate bevor die „Zwölf Stämme“ in Deutschland ärger mit der Justiz bekamen. Das Ergebnis der US-Umfrage war für uns Europäer durchaus erstaunlich. Von den US-Amerikanern waren 60 Prozent überzeugt, dass die Überlieferung der Arche Noah aus dem Alten Testament eine Tatsache ist. Ebenso die Schöpfung der Welt und des Menschen in sechs Tagen. Eine etwas spätere Umfrage im Juni 2005 durch das Meinungsforschungsinstitut „Harris Interactive“ in den USA ergab wiederum, dass sogar 74 Prozent der Amerikaner an den Kreationismus oder das “Intelligente Design” der Welt und Menschheit (durch eine  Schöpfer) glauben.[i]

In ganz Europa sind es dagegen durchschnittlich „nur“(?) 18 Prozent, die derartige Dinge wortwörtlich glauben. Auch eine Verfilmung des Arche Noah-Stoffes war im Mai 1999 in den USA ein Straßenfeger. Die Erstausstrahlung von „Arche Noah – Das größte Abenteuer der Menschheit“ sahen sage und schreibe 90 Millionen Amerikaner.

Die Erde ist nur 6.000 Jahre alt!

Einen „Feldzug“ für die wörtliche Richtigkeit der biblischen Geschichten der Schöpfung und gegen die Lehre von Darwin und der Evolution, führen die Kreationisten seit Jahrzehnten. Die Erde und das All sind nicht Milliarden Jahre sondern nur einige tausend alt, der Mensch (und Saurier) wurde von Gott erschaffen, die Arche Noah und Sintflut gab es, Adam und Eva waren real und viele weitere wortwörtliche Überzeugungen sind Teil des Kreationismus. Die Bibel hat recht – alles andere ist Gotteslästerung! Punkt. Ab 1961 dann boomte diese Idee der jungen Erde und der realen biblischen Schöpfung neu auf. Da veröffentlichten die Kreationisten Henry M. Morris und John C. Whitcomb jr. ihren Bestseller “The Genesis Flood” und sorgten für leidenschaftliche Debatten.

Umfrage zu Kreationismus in Deutschland: Je öfter Sonntags in der Kirche – je öfter wird die Evolution abgelehnt (Bild: L. A. Fischinger & gemeinfrei)
Umfrage zu Kreationismus in Deutschland: Je öfter Sonntags in der Kirche – je öfter wird die Evolution abgelehnt (Bild: L. A. Fischinger & gemeinfrei)

Von ihrem 1972 gegründeten „Institute for Creation Research“ nahe San Diego aus versuchen die Kreationisten das „Wort Gottes“ als Wissenschaft zu verkünden. Ebenso durch die von Henry M. Mossis 1963 gegründete „Creation Research Society“, der heute nach eigenen Angaben fast 2.000 Mitglieder angehören. Darunter auch Naturwissenschaftler und Professoren von Universitäten, die regelmäßig ihre Forschungsergebnisse auch veröffentlichen, wie es deren Webseite creationresearch.org zu entnehmen ist.

Die Grundeinstellung der „Jungen-Erde-These“ dieser „Krieger Gottes“ könnte man etwa so beschreiben:

Die Erde ist nur 6.000 bis maximal 10.000 Jahre alt und wurde durch Gott in wenigen Tagen geschaffen. Teilweise – oder meistens – glauben die Anhänger auch, dass das ganze Universum erst so jung sei. Damit also keine 13,7 Milliarden Jahre, wie es heute berechnet wird. Evolution von Menschen und Tieren gab und gibt es nicht. Alles existierte gleichzeitig und kam durch eine göttliche Flut letztlich um. So auch die Dinosaurier und die Menschen als vollendete Schöpfungen des Herrn.[ii]  Das 1. Buch Moses müssen man dabei natürlich wörtlich nehmen – dies seinen Tatsachenberichte einer vergangenen Zeit Gottes. Moderne Datierungsmethoden werden durchweg abgelehnt und in Frage gestellt bzw. als falsch oder sogar Lügen angesehen. Eben auch eine Verschwörung des Satans und seiner irdischen Lakaien, die gegen Gottes Werk auf Erden arbeiten.

Diese Kreationisten glauben eher den Berechnungen des englischen Erzbischofs James Ussher (1581 – 1656) zur Weltgeschichte, die er 1650 in „Annales veteris testamenti, a prima mundi origine deducti“ veröffentlichte. Darin legte Ussher aufgrund von Berechnungen biblischer Daten die Schöpfung der Welt auf den Vorabend des 23. Oktober 4004 vor Christus fest. Daraus abgeleitet fand nach seiner Weltchronik die Sintflut im Jahre 2501 vor Christus statt.[iii] Es mag für viele Menschen absurd, kindisch oder sogar bizarr klingen, aber nicht für zahlreiche fundamentale Bibelfundamentalisten in aller Welt.

Kreuzzug gegen die Naturwissenschaften

Dabei haben die Kreationisten bis heute durchaus eine Reihe Erfolge bei ihrem Kreuzzug gegen die Evolutionstheorie zu verzeichnen. In den USA mussten etwa Schulbücher, die die Evolutionslehre enthalten, auch die Lehre, dass Gott die Welt erschuf, als gleichberechtigt anführen. In einigen Bundesstaaten waren und sind Lehrer ebenso verpflichtet, Warnungen vor dem Unterricht zu verlesen, dass die Evolutionslehre von Charles Darwin nur eine Spekulation sei. Aderorts wurden Schulbücher mit entsprechenden Warnaufklebern versehen und Lehrer, die es wagten den Darwinismus als Fakt zu lehren, wurden zu Geldstrafen verurteilt. Und dass, obwohl einige Kreationisten-Radikale sogar glauben, dass die Erde eine Scheibe ist.[iv]

Charles Darwin, der Begründern der Evolutionstheorie. Für viele Bibelfundamentalisten nur ein gottloser ein Lakai des Teufels! (Bild: gemeinfrei)
Charles Darwin, der Begründern der Evolutionstheorie. Für viele Bibelfundamentalisten nur ein gottloser ein Lakai des Teufels! (Bild: gemeinfrei)

Erst im Jahre 1968 wurde ein entsprechender „Supreme Count“ in den USA verabschiedet, der die Evolutionslehre an Schulen erlaubt. Nach den Kreationisten war dies der Anfang vom Untergang und der Sittenverfall in den USA. Zum Beispiel Drogen, Kriminalität, sexuelle Ausschweifungen, Abtreibungen und Scheidungen würden seit dem in den USA enorm ansteigen. Für die Kreationisten besteht hier eindeutig ein Zusammenhang zu der Lehre des Darwin und damit den Abfall von Gott. Doch bereits im Jahr 1919 verkündete Präsidentschaftskandidat William J. Bryan mehrfach, dass der erste Weltkrieg die Strafe Gottes für die Gottlosigkeit all jener sei, die mehr Darwin als der Bibel glauben. So kam es auch, dass in den 1920er Jahren in 20 Bundesstaaten der USA per Gesetz die Evolutionslehre auf den Index kam bzw. deren Verbreitung dadurch verhindert werden sollte.

So lösten sich Erfolge – aber auch Rückschläge – der Kreationisten bis heute ab.

Im Sommer 1999 jedoch kam es zu einem besonderen Erfolg für die Kreationisten in den USA. In den Schulen von Kansas wurde verboten, Fragen zum Urknall und der Evolution in staatlichen Prüfungen zu stellen. Im Oktober 1999 folgte ein gleicher Antrag in New Mexiko,. der jedoch abgelehnt wurde.[v] Als einen „Rückfall ins tiefste Mittelalter“ bezeichneten damals Wissenschaftler den Beschluss des „School Board Committee“ im republikanischen Staat Kansas. Stan Roth, Biologielehrer in Kansas, weigerte sich jedoch den Kreationismus zu unterrichten, den er schlicht und einfach als unwissenschaftlich bezeichnete. Als seine Schülerin Anna Harvey diese Weigerung meldete, kam es zu einer offiziellen Anhörung und der Lehrer wurde nach 40 Jahren Schuldienst – entlassen.[vi]

Einen derben Rückschlag gab es für die Fundamentalisten in Europa vor rund zehn Jahren. Der Europarat gab während ihrer Versammlung am 4. Oktober 2007 in Straßburg eine Pressemitteilung zum Kreationismus und ihren Lehren heraus. Darin wurde ausdrücklich über die “Gefahren des Kreationismus in der Bildung”[vii] gewarnt. Unmissverständlich hieß es damals vom Europarat:

Die Abgeordneten aus den 47 Mitgliedsstaaten des Europarates haben ihre Regierungen nachdrücklich aufgefordert, mit ,aller Entschiedenheit’ gegen die Einbeziehung des Kreationismus – der die Evolution der Arten durch natürliche Auslese leugnet – in den Unterricht als gleichberechtigte Wissenschaftsdisziplin neben der Evolutionstheorie anzugehen.[viii]

Die “Krieger für den Glauben“

Nach Gottes Plan: Holländer baute die Arche Noah der Bibel 1 zu 1 nach. Tatsächlich? (Bild: L.A. Fischinger / Luna Design)
Nach Gottes Plan: Holländer baute die Arche Noah der Bibel 1 zu 1 nach. Tatsächlich? (Bild: L.A. Fischinger / Luna Design)

Dr. John D. Morris, Präsident der Kreationisten in San Diego, sieht in dem Kreationismus und dessen Mitstreiter die „Krieger für den Glauben“. Gab es keine Arche Noah wie in der Bibel beschrieben, dann gab es auch keine Schöpfung durch die Hand Gottes, so Dr. Morris, und dann könne man auch „einfach alles hinschmeißen“. Eine zufällige Abstammung der Arten durch Mutation und Selektion aus der „Ursuppe“ bis hin zum Menschen ist im kreationistischen Weltbild vollkommen undenkbar. Darwinismus ist eine Art Sündenfall der Moderne und damit ein Werk des Teufels.[ix] Denn “Der Satan schläft nie“, wie es ein Aussteiger der “Zwölf Stämme” forulierte.

Hier bei uns in Deutschland kursiert der Kreationismus kaum. Wenn, dann eher in den Weiten des Internet aber nicht nicht in den öffentlichen Medien und dem Mainstream. Oder eben in fundamentalen Gruppen wie den “Zwölf Stämmen”, die aber bekanntlich durch ihre “Kindererziehung” in den Fokus geriet, und nicht wegen ihrem Glauben an sich. Obwohl auch in Europa der christliche Kreationismus auf dem Vormarsch ist. Islamische Fundamentalisten in Deutschland lehnen die Evolution übrigens ebenso ab und spotten in entsprechenden Videos bei YouTube darüber. Aber auch über UFOs und Außerirdische irgendwo im All, die sie mit Blick in den Koran für Teufelszeug und verführerische Dämonen halten.

Im nordschwäbischen Gut Klosterzimmern lebt nun eben diese christliche Glaubensgemeinschaft „Zwölf Stämme“. Eine Gruppe fundamentaler Bibellobbyisten, die sich seit Jahren weigern, ihre Kinder in staatliche Schulden zu schicken. Und das nicht erst „seit gestern“. Buß- und Zwangsgelder, die sich bereits vor den RTL-Enthüllungen auf über 150.000 Euro beliefen, erbrachten dabei ebenso wenig Erfolg, wie Erzwingungshaft gegen die Erziehungsberechtigten.[x]

„Wir wollen unsere Kinder nur vor schlechten Einflüssen schützen“, kommentierte der Sprecher Holger Röhrs schon 2004 den Starrsinn der Gruppe gegen die Schulpflicht ihrer Kinder. Man wolle vor allem nicht, dass die Kinder der „Zwölf Stämme“ Sexualkunde und natürlich die Evolutionstheorie in den Schulen lernen.[xi] Es wäre auch ein Unding, wenn diese fundamentalen Menschen ihren Kindern vollkommen andere Dinge lehren und erzählen, als die Schule. Man sollte sich hier auch mal fragen, was in diesen Kindern vorgeht, wenn die geliebten Eltern eine völlig andere Welt “erklären” als die Pädagogen der Schulen?!

Kreationismus: eine “Religion der Dummen”?

Vor etwa zehn Jahren glaubten in Deutschland nur 12,5 Prozent an den Kreationismus, wie es eine forsa-Umfrage im Auftrag der „Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland“ (fowid) Ende 2005 ergab. Das klingt erst mal nicht sehr viel und mit der Verbreitung dieser “Lehren” in den USA ist das Ergebnis allemal nicht zu vergleichen. Interessant an der trockenen Statistik ist jedoch, dass vor allem Kirchengänger zu den Anhängern des Kreationismus zählen. Diese Personengruppe glauben auch eher an die Idee des „Intelligenten Design”. Das heißt die These, dass ein Schöpfer oder eben “Designer”, also eine übergeordnete Macht, für die Welt verantwortlich ist. Wirklich verwunderlich ist es aber wohl nicht, dass vor allem gläubige Kirchenbesucher an derartigen Weltanschauungen glauben.

Studie: Bei religiösen Menschen schaltet das Gehirn die Logik ab (Bild: L. A. Fischinger / NASA / gemeinfrei)
Studie: Bei religiösen Menschen schaltet das Gehirn die Logik ab (Bild: L. A. Fischinger / NASA / gemeinfrei)

Diese Umfrage (aber auch ähnliche und später Erhebungen) zeigt aber auch, dass mit steigendem Bildungsniveau diese religiösen Überzeugungen deutlich abnehmen: 22,5 Prozent der Hauptschüler glauben an solche Lehren – aber nur 5,8 Prozent mit einem Hochschulstudium.[xii]

Interessant auch eine andere Umfrage vom August 2005 zur Bibel: nur 13 Prozent gaben 2005 an oft bis “hin und wieder” in der Bibel zu lesen – 62 Prozent hingegen “nie”. Und das in einem Land, in dem seit Jahren Menschen verstärkt den Untergang der christlichen Traditionen, Kultur, Religion und Gesellschaft durch Fremde aus anderen Kulturen befürchten …

Für eine in den Mainstream Medien nicht beachtete Unruhe sorgte schon 2003 Wolf-Ekkehard Lönning, Leiter einer Gruppe Genetiker am Max-Planck-Institute für Züchtungsforschung (MPIZ) in Köln. Durch seine Forschungen ist er zu der Überzeugung gekommen, dass hinter der Welt tatsächlich ein intelligenter „Designer“ stehen muss. Eben das „Intelligente Design“, denn die Bezeichnung „Gott“ wurde von Lönning dabei damals strickt vermieden. Lönning hat 1.000 Seiten über seine Thesen verfasst und über den offiziellen Server des MPIZ in Köln im Internet veröffentlicht. Das hätte er lieber lassen sollen, denn das rief Peter Gruß, Präsident der Max-Planck-Gesellschaft auf den Plan. Er forderte nach Bekanntwerden der Veröffentlichung dieser Publikation auf dem Institut-Server eine Überprüfung der Schrift durch die vier Direktoren des Kölner Institutes. Letztlich kam man zu dem Ergebnis, dass sich das MPIZ mit der Publikation von Lönning auf dem heimischen Server ganz einfach „lächerlich gemacht“ habe, so Direktor Paul Schulze-Lefert.

Biologieprofessor Ulrich Kutschera aus Kassel warf Lönning „Verbreitung einer religiösen Weltanschauung“ vor und war über den Entscheid, die Texte zu entfernen, mehr als erfreut. Auch wenn Lönning unterstrich, er selber sei kein Kreationist und glaube auch nicht, dass die Welt vor ein paar tausend Jahren entstand, waren seine Kollegen da anderer ganz Meinung.[xiii]

Man muss solche und ähnliche (hier kurzgefasste) Entwicklungen und Überzeugungen der Kreationisten in aller Welt immer im Hinterkopf behalten, wenn Medienberichte über „prügelnde Christen-Sekten“ aufkommen. Obwohl wir hier in Deutschland oder Zentraleuropa bis dato mehr oder weniger von christlichen Fundamentalisten und Kreationen verschont blieben, gibt es sie weltweit. Und in wie vielen solcher Gemeinschaften eine körperliche Züchtigung der Kinder als normal angesehen wird, kann man nur raten. Wenn schon eine gesetzlich festgelegte Schulpflicht der Kleinen ignoriert wird, wie sieht es dann mit gesetzlichen Unversehrtheit dieser aus …?

Die “Zwölf Stämme” – heute

VIDEO: Shitstorm gegen fundamentalistische "Teenager-YouTube-Sekte" - oder nur Propaganda-Videos der Kids? (Bild: L. A. Fischinger)
VIDEO: Shitstorm gegen fundamentalistische “Teenager-YouTube-Sekte” – oder nur Propaganda-Videos der Kids? (Bild: L. A. Fischinger)

Inzwischen sind zum Teil viele Jahre nach den ersten Negativen Berichten über die fundamentale Glaubensgemeinschaft ins Land gestrichen. Was macht diese Gruppe also heute? Was folgte nach den Enthüllungen über sie?

Anders als bei sehr vielen Sekten und vor allem auch biblischen Fundamentalisten scheint bei den “Zwölf Stämmen” das Internet kein “Teufeszeug” zu sein. Zumindest aber betreiben sie eine Internetseite, auf der sich selbstredend auch News und Stellungnahmen zu allen möglichen Vorwürfen und Anschuldigen finden. Auch finden sich dort Berichte über jene Kinder, die damals aufgrund der Recherchen von RTL und anderen Medienberichten im Fokus der Öffentlichkeit standen. Und auch den leiblichen Eltern entrissen wurden. Immerhin wurden am am 5. September 2013 den Eltern von ca. 40 Kindern dieser Gruppierung das Sorgerecht entzogen, da hier offensichtlich der Verdacht aus Kindesmisshandlung vorlag. Die “Frankfurter Rundschau” beschrieb dies am 5. September 2013 so:

Nun sah das Amtsgericht Nördlingen das Wohl der Kinder dennoch gefährdet. Gerichtsdirektor Helmut Beyschlag berichtete über heftige Vorwürfe von ehemaligen Mitgliedern der Gemeinschaft. Es ist von wochenlanger Isolation, von ,Herabdrücken des Kopfe’, ,Eindämmen des Bewegungsdrangs’ sowie ,Festhalten der Gliedmaßen’ die Rede. ,Das halte ich schon für relativ schwerwiegend und quälend’, betont der Richter. ,Es lag wohl ein massiver Verstoß gegen die gewaltfreie Erziehung vor’, lautet sein Fazit.

Es dürfte nicht verwundern, dass die “Zwölf Stämme” schreiben, dass es all den Kindern heute gut gehe oder auch, dass sie lange zurück bei ihren Eltern sind. Mit den vorwurfsvollen Worten “Deutschland, wie behandelst Du unsere Kinder?” hat die Gruppe am 14. Januar 2016 diese Stellungnahmen online gestellt. In diesen Texten wird mitgeteilt, was die Kinder heute machen und wie es ihnen geht. Zum Beispiel dass einige in psychologiscer Behandlung sind, da man sie ihren Eltern entrissen habe. Bei der Durchsucht habe ich Berichte über 24 Kinder von Sektenmitglieder gezählt. Was aus den anderen rund 1,5 Dutzend Kindern wurde, das verrät die Auflistung aus der News-Seite nicht …

Doch mehr noch: Die “Zwölf Stämme” haben neben Briefen, Erklärungen, Berichten von Mitgliedern über ihr schönes Leben bei ihnen usw. am 16. November 2015 auch eine ganz erstaunliche Schrift veröffentlicht. In der Veröffentlichung “Ein Parallel-Verfahren” vergleichen sie das Vorgehen gegen ihre Sekte mit der Hexenverfolgung im Mittelalter. Praktisch alle offenen Briefe und Texte auf der Internetseite beziehen sich bis heute auf die mediale Schlammschlacht um die Sekte und deren “Erziehungsmethoden” ihrer Kinder. Die letzte veröffentlichte News ist ein Video vom 21. Juni 2016, das den wundervollen Alltag der Fundamentalisten dokumentieren soll …

Meinungsumfrage: Mehr Deutsche glauben an UFOs und Außerirdische als an das Jüngste Gericht. Ein Alarmzeichen für die Kirche? (Bild: WikiCommons/gemeinfrei / Montage: L. A. Fischinger)
Meinungsumfrage: Mehr Deutsche glauben an UFOs und Außerirdische als an das Jüngste Gericht. Ein Alarmzeichen für die Kirche? (Bild: WikiCommons/gemeinfrei / Montage: L. A. Fischinger)

Nach den Enthüllungen von RTL folgte eine Sintflut an Klagen, Beschwerden gegen das Jugendamt und andere Behörden, Gerichtsverhandlungen und mehr. Auch der TV-Sender bzw. ihr Reporter selber wurde verklagt, natürlich von den “Zwölf Stämmen” selber. Etwa wegen der “Verletzung der Vertraulichkeit des Wortes”, Falschaussagen und Beweisfälschung. All diese Ermittlungsverfahren wurden eingestellt. Anders bei Verfahren gegen Mitglieder der Sekte. Beispielsweise wurde am 21. Juni 2016 eine Lehrerin der Gemeinschaft wegen ihrer Prügelei gegen Kinder vom Landgericht Augsburg zu zwei Jahren Haft (ohne Bewährung) verurteilt. Der Vorsitzende des Jugendschöffengerichts dazu:

Sie ist von fast allen als Schlimmste und Brutalste beschrieben worden und hat nicht die geringste Reue gezeigt.

“Wann immer die Kinder es gebraucht haben”, sagte die Lehrerin bzw. die “Disziplinarbeauftragte” der Sekte. “Sehr brutal, sehr kalt” sei sie gewesen, so Zeugen vor Gericht. “Bei Widerworten ist sie sauer geworden und hat nur noch härter zugeschlagen” …

Andere unterlagen vor Gericht im Streit um das Sorgerecht, da weitere Gewalt gegen ihre eigenen Kinder nicht ausgeschlossen wären, wie es die “Süddeutsche Zeitung” am 15. Juni 2015 berichtete.

All diese Verfahren und Klagen füllen Akten um Akten. Das gilt auch für die Weigerung der Sekte, dass ihre Kinder in staatlichen Schulen unterrichtet werden. Heimunterricht der Kinder oder sogar den Bau einer eigenen Schule der “Zwölf Stämme”. Obwohl erst genehmigt, wurde vom Freistaat Bayern diese Genehmigung für diese “Sekten-Schule” 2013 zurückgezogen. Am 21. Januar 2014 hat das Verwaltungsgericht in Augsburg das Verbot des Schulbetriebes aufgrund eines Eilantrages der Bibel-Sekte bestätigt. Es hieß zur Begründung unter anderem:

Da sich die Glaubensgemeinschaft darauf berufe, die Bibel gebiete ihnen, die Kinder mit Ruten zu züchtigen, sei davon auszugehen, dass dieses ‘Gebot’ vor den Türen der Unterrichtsräume nicht halt mache.”

Das sollte nicht verwunden, wenn wir anderen Medienberichten glauben. Etwa hat die “Süddeutsche Zeitung” bereist am 22. Mai 2012 berichtet, dass die Kinder quasi Rassismus in ihrer “Privatschule” gelehrt bekommen. Neben dem fundamentalen Christentun und Prügel, etwa durch die “Disziplinarbeauftragte”. Reue? Keine!

Diese Fundamentalisten leben in ihrer ganz eigenen Welt und es ist zu hoffen, dass den Kindern der „Zwölf Stämme“ in eine positive Zukunft blicken werden.

 

Ich danke Euch, Euer Jäger des Phantastischen

Lars A. Fischinger

►► Eure Unterstützung: Paypal.me/Fischinger

(Geschäfts-eMail: FischingerOnline@gmail.com)

 

Interessantes zum Thema:

Fussnoten


[i] s. a. weitere Umfragen hier: http://fowid.de/nc/datenarchiv/uebersicht/themenfeld/was-glaubt-wer-glaubt/
[ii]              Herner, Christine: „Creation Science“ hat der Evolutionstheorie den Krieg erklärt, in: Wiener Zeitung, 7. September 2001
[iii]              s. a.: Knox, Buch: James Ussher, Archbishop of Armagh. University of Wales Press, 1967
[iv] Voß, Oliver: Gott schuf die Erde, und sie ward eine Scheibe, Spiegel online, 19. April 2004, unter: http://www.spiegel.de/schulspiegel/0,1518,295513,00.html
[v]              Mack, Günther: Wie entstand die Welt wirklich? in: GEO, Nr. 2/2001
[vi]              Die gläubige Nation: Wie die Krieger Gottes das amerikanische Bildungssystem unterwandern, WDR Kulturmagazin, 4. März 2001
[vii] Brasseur, Anne: The dangers of creationism in education. Committee on Culture, Science and Education, 17. September 2007 (Doc. 11375) unter: http://assembly.coe.int/Mainf.asp?link=/Documents/WorkingDocs/Doc07/EDOC11375.htm
[viii] Europarat gegen Schöpfungslehre im Unterricht. 5. Oktober 2007 unter: http://www.eann.de/europarat-gegen-schoepfungslehre-im-unterricht/148/
[ix]              Die gläubige Nation: Wie die Krieger Gottes das amerikanische Bildungssystem unterwandern, WDR Kulturmagazin, 4. März 2001
[x]              Sieben bibeltreue Väter müssen ins Gefängnis, Spiegel online, 9. Oktober 2004, unter: http://www.spiegel.de/schulspiegel/0,1518,322314,00.html
[xi]              Sieben Väter widerstandslos verhaftet, Spiegel online, 18. Oktober 2004, unter: http://www.spiegel.de/schulspiegel/0,1518,323695,00.html
[xii]             Die Statistik findet sich auch online: http://fowid.de/fileadmin/datenarchiv/Evolution_Kreationismus_Deutschland_2005.pdf  (Ich empfehle die Suchfunktionen unter http://fowid.de/home/ um auch andere Statistiken einzusehen.)
[xiii]            Entwürfe in Gottes Namen, in: Die Zeit, 19/2003

 

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